Seit dem 20. April stehen beide Fahrstühle in einem 18-stöckigen Wohnhaus in Marzahn still: Abwasser in den Schächten, Fäkaliengestank im Eingang und Mieter:innen, die in ihren Wohnungen festsitzen. Der aktuelle Totalausfall ist nur die Spitze einer zunehmenden Verwahrlosung der Wohnanlage – und gibt der Organisierung der Mieter:innen neuen Aufschwung. Wir haben mit ihnen gesprochen.
Für viele der Bewohner:innen bedeutet der Ausfall der Fahrstühle mehr als nur eine Unannehmlichkeit. Das Haus in der Mehrower Allee 50 ist wegen seines barrierefreien Zugangs besonders bei älteren und gehbehinderten Menschen beliebt. Viele wohnen schon seit Jahrzehnten hier. Nun sitzen manche seit Wochen faktisch in ihren Wohnungen fest. Ursache war ein Rohrbruch, der die Aufzugsschächte mit Abwasser flutete.
Eine Anwohnerin berichtet uns von ihren Eltern, die bereits 1996 eingezogen sind. Der Vater ist gehbehindert und kann die Wohnung ohne funktionierenden Fahrstuhl nicht mehr verlassen. Vonovia verweist in solchen Fällen auf einen Trageservice, der über die Objektbetreuung gebucht werden kann. Regulär erreichbar ist dieser allerdings nur montags bis freitags zwischen 8 und 16 Uhr, in Ausnahmefällen auch samstags. Wer außerhalb dieser Zeiten Hilfe benötigt oder körperlich nicht über 18 Stockwerke getragen werden kann, bleibt auf sich allein gestellt. Die Eltern der Anwohnerin haben sich bisher selbst beholfen. Die auf jeder Etage aufgestellten Klappstühle bieten dabei nur einen schwachen Trost.
Entsprechend groß ist die Verzweiflung im Haus – zumal kaputte Fahrstühle in der Mehrower Allee kein neues Problem darstellen. Erst um den Jahreswechsel wurden beide Fahrstühle komplett erneuert, inklusive neuer Kabinen. Doch auch danach kam es immer wieder zu Ausfällen. Trotz der Einstufung als Notfall begann die Reparatur erst am 11. Mai und kann bis zu vier Wochen andauern. „Für ein Haus mit so vielen älteren und mobilitätseingeschränkten Bewohner:innen ist das unverhältnismäßig lang”, sagt die Mieterin.
Früher Concierge-Service, heute Matratzen im Hausflur
Die Fahrstuhl-Misere ist nur eines von vielen Problemen, die das Leben im Haus zunehmend unerträglich machen. Ursprünglich war das Wohnhochhaus Volkseigentum, später gehörte es der degewo, danach übernahm das Immobilienunternehmen ALLOD. Unter ALLOD habe sich die Situation spürbar verbessert, erzählt die Bewohnerin: „Es gab einen Concierge, das Haus ist sauberer gewesen.“ Vor etwa zehn Jahren erwarb die Deutsche Wohnen – heute eine Tochtergesellschaft von Vonovia – das Objekt. Eine der ersten Maßnahmen während der Corona-Pandemie war die Abschaffung des Concierge-Services – jedoch ohne entsprechende Mietsenkung. Seitdem hätten die Probleme überhand genommen: Vandalismus, kaputte Haustüren, verschmutzte Treppenhäuser und regelmäßig Sperrmüll vor dem Eingang.
Vor ein paar Wochen brannte zudem der Müllplatz, vermutlich infolge von Brandstiftung. Im Hauseingang stapeln sich zeitweise mehrere Matratzen. „Zwei Jahre lang ist trotz unserer Beschwerden auch der verkalkte Abwasserstrang der Toilette meiner Eltern nicht repariert worden. Aus Angst vor Problemen haben sie kaum noch Gäste empfangen“, fasst die Angehörige der langjährigen Mieter die Entwicklung zusammen. „Es war nie so extrem wie jetzt.“
Aus der Verzweiflung wächst Widerstand
Doch in der Mehrower Allee 50 regt sich inzwischen organisierter Widerstand. Ein aktiver Mieter, der 2014 einzog und sich zuvor bei der Initiative „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ engagierte, baut gemeinsam mit Nachbar:innen eine Mietinitiative auf. Ein bereits länger geplantes Vernetzungstreffen fand eine Woche nach dem Totalausfall der Fahrstühle statt. „Die akute Notlage hat wohl dafür gesorgt, dass deutlich mehr Menschen zu dem Treffen kamen, als wir ursprünglich erwartet haben“, sagt der Mieter.
Die Gruppe hat sich inzwischen Unterstützung geholt: Die ehrenamtliche Bezirksleiterin des Berliner Mietervereins stellte Vordrucke für eine kollektive Mietminderung zur Verfügung. Weil sich Reparaturen an Fahrstühlen erfahrungsgemäß lange hinziehen und niemand weiß, wann diese tatsächlich wieder funktionieren, zahlen die Mieter:innen ihre Miete nun unter Vorbehalt, um später eine Mietminderung für die Zeit des Ausfalls geltend machen zu können.
Der nächste große Schritt steht bevor: Am 26. Mai um 18 Uhr lädt die Initiative zu einer großen Mieter:innenversammlung auf der Wiese vor dem Haus ein. Sie setzen sich dafür ein, dass der Trageservice an diesem Tag auch nach 16 Uhr verfügbar gemacht wird, damit auch mobilitätseingeschränkte Bewohner:innen teilnehmen können. Für viele im Haus ist inzwischen klar: Die kaputten Fahrstühle sind nicht nur ein technisches Problem, sondern Symptom einer jahrelangen Verschlechterung der Wohnbedingungen – und ein weiterer Grund , sich gemeinsam zu organisieren.
ml
19.05.2026




