Der Berliner Mieterverein geht im Bezirk von Tür zu Tür: Gespräche statt Resignation, Organisierung statt Einzelkampf. In Hellersdorf zeigt sich, wie schwer es ist, Mieter:innen zu stärken – und warum genau das notwendig ist.

An manchen Wohnungstüren müssen wir erst einmal erklären, wer wir sind und was wir wollen: keine Versicherung, kein neuer Gasvertrag, keine Kontrolle im Auftrag der Eigentümer:innen – sondern einfach nur ein Gespräch mit der Bezirksgruppe des Berliner Mietervereins über die Wohnsituation vor Ort. Dass diese Klarstellung nötig ist, gehört zu den ersten Eindrücken des Nachmittags.
Von der BMV-Geschäftsstelle in der Spichernstraße bis nach Hellersdorf braucht man mit Bahn, Fahrrad oder Auto mehr als eine Stunde. Wir sind hier mit Irina Neuber unterwegs, seit 1999 Mitglied im Berliner Mieterverein und seit vielen Jahren in der Bezirksleitung Marzahn-Hellersdorf aktiv. Unser Weg führt durch mehrere Häuser einer Wohnanlage der damaligen Deutsche Wohnen, heute Vonovia.
Ein Ziel der Gespräche ist die Einladung zur Bezirksmitgliederversammlung. Dort sind alle willkommen – auch ohne Mitgliedschaft. Zugleich wollen wir von den regelmäßigen Treffen der Bezirksaktivengruppe berichten und den Mieter:innen zeigen, dass sie mit ihren Sorgen nicht allein sind. Wir wollen den Mieter:innen aufzeigen, dass es sich lohnt, Unterstützung zu suchen und sich gemeinsam zu organisieren.

Foto: Christian Muhrbeck
Wer einen alten Mietvertrag hat, schließt nach einem kurzen „Nee, passt alles“ wieder die Tür. Wer ein paar Worte wechselt, erzählt meist, dass die Miete dank des alten Vertrags noch halbwegs tragbar sei. Bei neueren Verträgen sieht es anders aus: Hier liegen die Kaltmieten zwischen 7,50 und über 10 Euro pro Quadratmeter. Ein schneller Abgleich mit dem Mietspiegel zeigt: Die meisten Wohnungen liegen selbst dann über dem Oberwert der ortsüblichen Vergleichsmiete, wenn man bei Ausstattung und Wohnumfeld ausschließlich positive Merkmale annimmt. Dass die Häuser tatsächlich nur solche Merkmale aufweisen, glaubt hier allerdings niemand.
Gemeinsamer Kampf scheint vielen utopisch
Die Stimmung vieler Bewohner:innen ist von Resignation geprägt. Das zeigt sich schon in den reflexhaften Reaktionen an der Tür: Es ist ungewohnt, dass jemand klingelt, um die Nachbarschaft zu informieren und zu aktivieren. „Man kann ja doch nichts machen“, hören wir immer wieder.
Ein Mann, der seit über 30 Jahren in der Gegend wohnt, hat eine Schule und mehrere andere Gebäude in der Nachbarschaft selbst mitgebaut. Für ihn ist es paradox: Diejenigen, die den Bezirk aufgebaut haben, zahlen heute immer mehr für Wohnungen, um die sich die Eigentümer:innen nicht einmal anständig kümmern. Mängelanzeigen bleiben oft wochenlang liegen. Immerhin, sagt er, liegen auf dem Rasen und dem Spielplatz keine Spritzen vom Drogenkonsum herum.
Manche erfahren an diesem Tag zum ersten Mal, dass sie sich gegen überhöhte Mieten wehren können. Dass Mängelbeseitigungen energisch eingefordert werden dürfen, dass Mietminderungen möglich sind und notfalls auch eine Klage zur Mängelbeseitigung. Eine junge Familie mit Kleinkind ist vor Kurzem hergezogen, nachdem sie in Neukölln eine Eigenbedarfskündigung erhalten hatte. Anderswo fanden sie nichts – hier ging es vergleichsweise unkompliziert.
Die Nachbarschaft hat sich verändert
Irina Neuber kennt den Bezirk seit Jahrzehnten. Aktiv geworden ist sie, nachdem sie selbst einmal die Rechtsberatung des Berliner Mietervereins in Anspruch genommen hatte – und danach mehr tun wollte. Damals bestand die Gruppe der Bezirksaktiven aus sechs oder sieben Leuten, heute sind es weniger. Irina verwaltet inzwischen die Kasse; seit sie in Rente ist, kann sie mehr Zeit investieren. Zusätzliche Motivation habe ihr damals auch das Unterschriftensammeln für den Volksentscheid zur Vergesellschaftung gegeben.
Was Irina in den Gesprächen wahrnimmt: Die Identifikation mit der Wohnlage ist oft schwach ausgeprägt, es gibt eher Einzelkämpfer als eine Hausgemeinschaft. Früher sei das anders gewesen: Als Marzahn-Hellersdorf im Aufbau war, zogen viele Menschen gleichzeitig ein – darunter viele junge Familien mit Kindern. Sie haben Gemeinschaftsräume damals liebevoll eingerichtet und genutzt; allein das gemeinsame Gestalten brachte die Hausgemeinschaft zusammen. Heute fehlen solche Räume. Dass viele Menschen hierher ziehen, weil sie keine andere Wahl haben, könnte ein Grund für die schwache Bindung sein.
„Ich habe beide politischen Systeme kennengelernt – und ich weiß, welches besser für Mietende ist“, sagt Irina. In der DDR war Wohnen stark staatlich organisiert, Mieten waren niedrig und weitgehend stabil. Gewinninteressen spielten kaum eine Rolle. Ein ähnliches Modell findet sich gleich um die Ecke: Dort zahlt eine Familie bei einer Genossenschaft 900 Euro warm für mehr als 100 Quadratmeter. So funktioniert Wohnraumbewirtschaftung ohne Gewinn für private Vermieter:innen, Dividenden für Aktionär:innen oder die Quersubventionierung des Berliner Neubaus durch die landeseigenen Wohnungsunternehmen.
Ob das Wohnungsamt Marzahn-Hellersdorf in absehbarer Zeit gegen überhöhte Mieten vorgehen wird, bleibt fraglich. Aus einer schriftlichen Anfrage an den Senat vom März geht hervor: Von 58 Stellen im Fachbereich Wohnen sind 15 unbesetzt. Zwar liegen 102 Anzeigen wegen des Verdachts auf überhöhte Mietzahlungen vor, doch wegen der Unterbesetzung und der Ablehnung zweier Stellen im Rahmen der Haushaltsverhandlungen hat sich noch niemand darum gekümmert. Bußgelder hat das Amt bislang nicht verhängt; erst ab Mai soll die Prüfung beginnen. Die Instrumente zur Bekämpfung unzulässig hoher Mieten existieren – doch das Land stattet die Behörden nicht ausreichend aus, um sie auch anzuwenden.
Engagement im Bezirk für strukturelle Veränderungen
Auf das Wohnungsamt will sich die Bezirksaktivengruppe Marzahn-Hellersdorf nicht verlassen: Sie kämpft, erzählt Irina, schon seit den 1990er- und 2000er-Jahren gegen Modernisierungswellen und steigende Mieten. Ein brennendes Thema seien ungerechtfertigte Betriebskostenabrechnungen. Gerade hier liege viel Potenzial, den Leuten zu zeigen, dass sie sich nicht alles gefallen lassen müssen.
Doch es braucht mehr als den individuellen Kampf ums eigene Recht: Es geht auch um strukturelle Veränderungen – und dafür müssen sich Mieter:innen zusammenschließen. „Man muss die Leute ja förmlich wach küssen“, sagt Irina. In Marzahn-Hellersdorf gibt es noch viel zu tun. Noch immer wissen zu viele Mieter:innen nicht, wie sie sich gegen überzogene Forderungen und Mängel wehren können.
Genau für diese Aufgaben sucht die Gruppe Unterstützung, besonders von jungen Menschen. Bisher trifft man sich vierteljährlich, doch in Zukunft bräuchte es mehr Haustüraktionen, mehr Mieter:innenversammlungen und mehr gemeinsame Kampagnen.
ml
Sie haben Interesse an der Mitarbeit in einer Bezirksaktivengruppe?
Das freut uns sehr! Die ehrenamtliche Unterstützung unserer Mitglieder ist eine tragende Säule des Berliner Mietervereins. Jedes Mitglied gehört zu einem der zwölf über die gesamte Stadt verteilten BMV-Bezirke. In jedem dieser Bezirke gibt es eine eigene Bezirksaktivengruppe. Dort treffen sich regelmäßig Mitglieder, die sich aktiv in die Arbeit des Vereins einbringen oder auch eigene Aktionen planen und umsetzen möchten.
Sie möchten sich engagieren oder haben noch Fragen? Dann melden Sie sich bei Rilana Krick, unserer Koordinatorin für Ehrenamt, Initiativen und Nachwuchs – telefonisch unter 030 226 26 146 oder per E-Mail an bezirke@berliner-mieterverein.de.
Die wöchentliche Beratung des Berliner Mietervereins in Marzahn-Hellersdorf:
Kieztreff Marzahner Promenade
Marzahner Promenade 38
S-Bahnhof Marzahn, Tram/Bus Marzahner Promenade
Mieter:innenberatung:
Montag, 17 bis 19 Uhr
Stadtteiltreff Kompass
Kummerower Ring 42
U-Bahnhof Kienberg – Gärten der Welt
Mieter:innenberatung:
Donnerstag, 17 bis 19 Uhr
22.04.2026




