Kann man in einem Haus mit einer solchen Geschichte glücklich werden? Diese Frage wird den Bewohner:innen der Waldsiedlung Krumme Lanke oft gestellt. Denn einst lebten hier Menschen, die für unvorstellbare Verbrechen der NS-Zeit verantwortlich sind. Für einige der heutigen Bewohner:innen ist das Ansporn, die Erinnerung an die Vergangenheit wachzuhalten.

Foto: Nils Richter
Die Siedlung mit ihren freistehenden Einfamilien- und Reihenhäusern liegt idyllisch mitten in einem großzügigen Kiefernwald und erstreckt sich bis zum Krumme-Lanke-See. Mit ihren hölzernen Fensterläden und den steilen Satteldächern wirkt sie sehr bodenständig. Gebaut wurde sie 1937 als „Kameradschaftssiedlung der SS“ von der Gagfah im Auftrag des Rasse- und Siedlungshauptamts der SS.

Foto: Nils Richter
Caroline, die 2011 zusammen mit ihrem Mann in der Straße mit dem beschaulichen Namen Himmelsteig ein Haus gekauft hat, sagt: „Man fühlt sich wohl hier, es ist ein sehr schönes, familienfreundliches Wohnen.“ Von der dunklen Vergangenheit des Hauses wussten sie. Die Vorbesitzerin hatte ihnen ein Buch überreicht: „Medizin ohne Menschlichkeit.“ In ihrem Haus wohnte einst der Arzt und SS-Oberführer Joachim Mrugowsky, der als Leiter des Hygiene-Instituts der Waffen-SS für Menschenversuche an Häftlingen und in Konzentrationslagern verantwortlich war. Auch Kinder wurden gequält. Die Vorstellung, dass so jemand anschließend nach Hause fährt und sein Familienleben im Grünen genießt, sei schwer erträglich, sagt Caroline. Aber nach längerer Überlegung stand fest: sie kaufen das Haus trotzdem. „Steine und Holz sind schließlich nicht böse“, sagt sie. Das Ehepaar engagiert sich in der Anfang 2025 gegründeten „Initiative für gelebte Demokratie und gute Nachbarschaft in der Waldsiedlung Krumme Lanke.“

Foto: Nils Richter
Beim Tag des offenen Denkmals im September 2025 organisierte die Initiative erstmals zwei Führungen. Zu beiden kamen je über 100 Interessierte. „Damit hatten wir nicht gerechnet, wir waren total überwältigt“, sagt Gerhard Gerstenmaier. Gerade in Zeiten, wo rechtsextreme Positionen wieder erstarken, wolle man ein Zeichen setzen. Nicht alle in der Siedlung finden es gut, dass in der Vergangenheit „herumgestochert“ wird. Lange Zeit ist wenig über die besondere Geschichte geredet worden. Doch plötzlich ist das öffentliche Interesse erwacht, sogar international. Die New York Times und die Neue Zürcher Zeitung waren da und berichteten über die „idyllische Siedlung im Schatten einer schrecklichen Vergangenheit.“
Neues Interesse an der Vergangenheit
Die Anwohnerinitiative hat sich auf Spurensuche begeben und befragt alteingesessene Nachbar:innen, von denen sich einige noch an die Nachkriegszeit erinnern können. Nachdem sich ganze Familien in der Krummen Lanke ertränkt oder erhängt hatten, wurden die verlassenen Häuser auf Anordnung der Alliierten für Opfer des Nazi-Terrors reserviert. Jüdische Überlebende, Häftlinge aus den Konzentrationslagern und Widerstandskämpfer:innen zogen ein, darunter viele alleinstehende Frauen. Sie lebten mit ihren Kindern in großer Armut, einige hatten das Obergeschoss an Untermieter:innen vermietet. In einem Zeitzeugenbericht, den die Initiative zusammengetragen hat, heißt es: „Wir konnten im Juni 1945 in die Wohnung ziehen, nachdem unsere Wohnung ausgebombt war. Die russische Kommandatur kümmerte sich um die Verteilung der Häuser. Wir wohnten in dem Haus mit 7 Kindern, meiner Mutter und einem Hausmädchen. Gegenüber waren Russen in die Doppelhäuser gezogen. Ich erinnere mich an die Pferde im Garten.“
Architektur der elitären Gemeinschaft
Doch wie kam es überhaupt dazu, dass hier in Zehlendorf eine Siedlung für SS-Angehörige gebaut wurde – übrigens zur Miete? Das Ziel war, den Gedanken von „Blut und Boden“ durch die „Sesshaftmachung wertvoller SS-Familien“ sowie die Ideologie der elitären Gemeinschaft architektonisch zu verwirklichen, heißt es auf der Gedenktafel für die seit 1992 unter Denkmalschutz stehenden Siedlung. 1935/36 hatte die SS ihre Augen auf das unbebaute Grundstück der „Gemeinnützigen Aktien-Gesellschaft für Angestellten-Heimstätten“ (Gagfah) geworfen. Die Planung für die Modellsiedlung, der in der Reichshauptstadt weitere folgen sollten, übernahm der Technische Direktor der Gagfah, Hans Gerlach, in enger Abstimmung mit der SS. Ursprünglich wollte die Gagfah die Häuser schachbrettartig im rechten Winkel anordnen. Nach den Wünschen der SS wurden sie um eine Art Anger gruppiert. Von Bedeutung ist der Verzicht auf private Gärten. Die Häuser stehen hierarchisch geordnet in der Landschaft, die hier eine gemeinsam nutzbare, behutsam gestaltete Grünanlage bildet, schreibt der Architekturhistoriker Dittmar Machule. Die Natur dominiert die von Menschen geschaffene Architektur.

Foto: Nils Richter
Wenige Jahre nach Kriegsende gingen die Häuser wieder in die Verwaltung der Gagfah über und wurden in den Nuller-Jahren von der inzwischen in eine Aktiengesellschaft umgewandelte Gagfah-Gruppe privatisiert. Die meisten der Käufer:innen sind Selbstnutzer, einige haben vermietet. Zu den wenigen Mietern in der Siedlung gehört Martin, der seit gut zehn Jahren eine Doppelhaushälfte bewohnt: „Meine Frau und ich waren sehr froh, als wir den Zuschlag bekommen haben – wir wohnen hier sehr gerne.“ Zur Eigentümerin haben sie ein gutes Verhältnis. Kurz vor Mietvertragsabschluss haben sie den Hintergrund der Siedlung recherchiert und herausgefunden, dass Joachim Caesar, Obersturmbannführer und einer der ranghöchsten SS-Führer in Auschwitz, in ihrem Haus gelebt hat.
Die Nachbarschaftsinitiative sammelt nicht nur solche Geschichten aus dieser besonderen Siedlung, sondern beschäftigt sich auch mit dem Thema Straßenumbenennung. Bezeichnungen wie „Führerplatz“ oder „Treuepfad“ wurden zwar ersetzt, doch auch harmlos anmutende Namen wie „Im Kinderland“ gehören nach Ansicht der Initiative auf den Prüfstand.
Es sei schockierend, wie schnell sich die Gagfah zum Werkzeug der Nazis umformen ließ, findet Ralf, ein Bewohner: „Demokratie ist nichts Sicheres, wir müssen aufpassen.“
Birgit Leiß
Strenge Hierarchie
Mit ihren insgesamt 600 Wohneinheiten zählt die Waldsiedlung Krumme Lanke zu den bedeutendsten Berliner Kleinhaussiedlungen aus den 1920er und 30er Jahren. Zwischen Quermatenweg und der Argentinischen Allee in Zehlendorf entstanden von 1937 bis 1940 rund 300 Einfamilienhäuser unterschiedlichen Typs sowie mehrgeschossige Wohnblocks. Bereits 1938, nach gerade einmal sechs Monaten Bauzeit, waren die ersten Wohneinheiten bezugsfertig. Die Miete betrug rund 100 Reichsmark für die Reihen- und Doppelhäuser und etwa 130 Reichsmark für ein freistehendes Einfamilienhaus.
Die strenge Hierarchie der NS-Ideologie spiegelt sich in der Siedlung wieder. Die Geschosswohnungen mit maximal zweieinhalb Zimmern am damaligen „Führerplatz“, dem heutigen Selmaplatz, waren für die unteren Dienstränge der Berliner SS bestimmt. In die 32 freistehenden Einfamilienhäuser durften nur die höchsten Ränge einziehen. Eigentlich waren noch mehrere Gemeinschaftsbauten vorgesehen, etwa ein Kinderhort für 200 Kinder, Sporteinrichtungen, ein Kasino und ein SS-Kameradschaftshaus. Mit Kriegsbeginn und den knapper werdenden Mitteln wurden diese Pläne nicht umgesetzt. Somit fehlt der Siedlung der Dorfkern.
bl
initiative-waldsiedlung@freenet.de
19.02.2026




