Die Globalisierung hat längst auch die Wohnungsmärkte erfasst. Die Mietenkrise ist international geworden. Überall auf der Welt müssen Mieter:innen mit steigenden Mieten und Energiekosten kämpfen, sich gegen Vertreibung wehren und ihre Rechte verteidigen. Dieses MieterMagazin-Extra berichtet von Mietprotesten und -bewegungen in der Türkei, Portugal, Finnland, Argentinien und Spanien.

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Seit den 1980er Jahren ist es rund um den Globus zu beobachten: Die Wohnungsversorgung wird nicht mehr als staatliche Aufgabe gesehen und stattdessen dem freien Spiel der Marktkräfte überlassen. Investitionen in den sozialen Wohnungsbau werden zurückgefahren oder ganz eingestellt, öffentliche Wohnungsbestände im großen Stil privatisiert. Den neoliberalen Vorreiter:innen des letzten Jahrhunderts Margaret Thatcher in Großbritannien und Ronald Reagan in den USA folgend lautete überall der Glaubensgrundsatz: Der Staat ist ineffizient, der Markt regelt das.

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Geschäftszweck: Gewinn-Maximierung
Die Schleifung von internationalen Handels- und Finanzmarktbarrieren führte dazu, dass auch die bislang lokal oder regional organisierten Wohnungsmärkte ins Visier von Investoren aus aller Welt geraten sind. Anonyme Hedgefonds tauchten auf, kauften öffentliche Wohnungsunternehmen auf und brachten sie an die Börse, nachdem sie manche von ihnen in profitable und unprofitable Teile zerlegt hatten. Nach wenigen Jahren erfolgte der Verkauf mit großem Gewinn. Durch Fusionen und Übernahmen entstanden in kurzer Zeit riesige börsennotierte und international aufgestellte Wohnungskonzerne. Die auch in Berlin operierende Vonovia ist mit über einer halben Million Wohnungen in Deutschland, Österreich und Schweden Europas größtes Wohnungsunternehmen. Auch Konzerne wie Heimstaden und Covivio besitzen Mietwohnungen in mehreren europäischen Ländern. Geschäftszweck solcher Firmen ist nicht die Wohnungsversorgung, sondern die Gewinnerzielung für ihre Aktionär:innen.

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Beharrlicher Protest hat Erfolg
Die weltweite Finanzkrise 2007/08 wirkte sich auch auf die Wohnungsmärkte aus. Auf der Suche nach sicheren Geldanlagemöglichkeiten bekamen Wohnimmobilien als „Betongold“ Hochkonjunktur. Damit aus Wohnraum ein renditeträchtiges Finanzprodukt wurde, haben die Akteure alle Register gezogen: Mieterhöhungen, Bestandsverschleiß und Luxusmodernisierungen, Abriss und Neubau, Umwandlung in Gewerbe oder Ferienapartments setzen Mieter:innen von Lissabon bis Helsinki, von Madrid bis Buenos Aires unter Druck, führen zu Verdrängung, zur sozialen Entmischung der Städte und zu steigender Obdachlosigkeit.

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Städte wie Venedig, Florenz, Dubrovnik, Palma de Mallorca oder Amsterdam werden zudem vom wachsenden Massentourismus geradezu erdrückt. Die Bedingungen für das normale Wohnen werden dort immer schlechter. Gleichzeitig müssen Großstädte mit starkem Zuzug aus ländlichen Regionen und obendrein den Kriegs- und Krisengebieten der Welt zurechtkommen. In vielen Ländern schließen sich Mieter:innen zusammen und gehen auf die Straße. Beharrlicher Protest hat durchaus Erfolg. In Österreich hat die Bundesregierung im September die Einführung einer Mietpreisbremse für die bisher ungeregelten Mieten beschlossen: Mieten dürfen ab 2026 nur noch einmal im Jahr erhöht werden – und zwar höchstens um die Inflationsrate. „Mieterinnen und Mieter werden nie wieder so hohe Mietanstiege wie in der Vergangenheit erleben“, verspricht der österreichische Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ). In New York City hat vor kurzem der Außenseiter-Kandidat Zohran Mamdani die Wahl zum Bürgermeister deutlich gewonnen – mit der Ankündigung, die Mieten einzufrieren und der großen Unterstützung durch Mieter:innen und ihre Organisationen.
Jens Sethmann
Interview mit Barbara Steenbergen vom IUT-Büro in Brüssel
David gegen Goliath?
Mieter:innen contra international agierende Wohnungskonzerne: Ist das nicht ein Kampf „David gegen Goliath“?
Ja, es gibt ein deutliches Marktungleichgewicht, weil Vermieter ein nachgefragtes Gut in der Hand haben und damit die Bedingungen diktieren können. Aber: Europas Mieter:innen stellen schon angesichts ihrer Anzahl einen nicht zu vernachlässigenden Machtfaktor dar. Offiziell lebt derzeit ein Drittel der EU-Bevölkerung zur Miete, in den großen Städten sind sie in der Überzahl. An uns Mietervertretungen ist es, ihre Aktivitäten zu koordinieren und damit auch die Verantwortlichen in den Regierungen unter Druck zu setzen, gesetzliche Rahmenbedingungen festlegen.

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Was sind die Hebel, um etwas zu bewegen?
Zum einen ist das eine gute Organisation. Im gemeinsamen Kampf lassen sich Verzweiflung und Wut in Stärke umwandeln.
Zum anderen braucht es einen professionellen Rückhalt. Die IUT, die in diesem Jahr 100 Jahre alt wird, hat heute Spezialisten, die sich mit den Kurzzeitvermietungen bestens auskennen, die die zunehmende Finanzialisierung des Wohnungsmarktes verfolgen und die wissen, wie angespannte Gebiete auf Wohnungsmärkten ausgewiesen werden und Vergaberegeln etwa bei Bauvorhaben aussehen müssen. Das rüstet uns mit der nötigen Expertise.
Was hat die IUT damit bisher bewirkt?
Einiges. So tritt in diesem Jahr ein Gesetz über den verpflichtenden Datenaustausch zwischen Vermietungsplattformen und den Städten in Kraft. Wenn also in Berlin Mitte aufgrund einer angespannten Wohnlage ein airbnb-freies Gebiet ausgewiesen werden soll, kann die Stadt entsprechende Daten anfordern und die Plattform muss liefern. Das ist die Voraussetzung, um solche Geschäftspraktiken abmahnen zu können. Wir arbeiten auch an einem europäischen Transparenzregister, das alle Transaktionen auf den Wohnungsmärkten registriert. Im Fokus steht deren zunehmende Finanzialisierung, die zu immer größerer Konzentration auf wenige Anbieter führt.
Das sind alles Forderungen, die für einen nachhaltigen Erfolg europaweit durchgesetzt werden müssen. Wie steht es damit?
Bei einer europaweiten Umfrage vor der letzten EU-Wahl stand das Problem des nicht mehr bezahlbaren Wohnens auf Platz zwei der europäischen Problemliste. Eine Konsequenz ist der Plan für leistbares Wohnen, der Ende des letzten Jahres vom EU-Parlament verabschiedet wurde. Daran hat die IUT intensiv mitgearbeitet, und wir gehen fest davon aus, dass es künftig EU-weit eine härtere Regulierung der Kurzzeitvermietungen geben wird. Solche Maßnahmen stärken David im Kampf gegen Goliath.
Das Gespräch führte die MieterMagazin-Mitarbeiterin Rosemarie Mieder
www.iut.nu
Türkei
Die Wohnungskrise ist auch eine Krise der Demokratie
Explodierende Mieten, ein dramatischer Wohnungsmangel und Touristifizierung in den Städten – die Probleme in der Türkei ähneln denen in Deutschland. Doch warum rührt sich kaum Protest?

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„Eine Mieterbewegung gibt es in der Türkei nicht, auch keine landesweite Mieterorganisation“, erklärt Mehmet Aşıcı, Experte für den Bereich Wohnen bei der UN-Habitat (The United Nations Human Settlements Programme). Die Studierendenproteste, die im Herbst 2021 für Schlagzeilen sorgten, sind nach seiner Einschätzung spontan und unorganisiert abgelaufen. „Barınamıyoruz Hareketi“, die Bewegung derer, die keine Bleibe finden, nannte sich die Gruppe obdachloser Studierender, die in öffentlichen Parks übernachteten, um auf ihre verzweifelte Situation aufmerksam zu machen. Weil es nicht genug Plätze in den staatlichen Wohnheimen gibt und die privaten unerschwinglich sind, müssen sie auf der Straße campieren. Die Forderung von Barınamıyoruz: bezahlbare Unterkünfte mit menschenwürdigen Standards. Der spontane Protest verbreitete sich von Istanbul aus in andere Städte wie Ankara und Izmir. Doch letztlich war es nur ein Strohfeuer.
Die Inflation treibt die Mieten ins Unermessliche
Unter den exorbitant gestiegenen Mietpreisen leiden nicht nur die Studierenden. In Istanbul sind die Mieten 2024 um mehr als das Siebenfache gestiegen, in Ankara sogar um mehr als das Achtfache. Dabei schütze das Gesetz die Mieter:innen, sagt Mehmet Aşıcı. So sind Mieterhöhungen an die Inflation gekoppelt. Weil diese exorbitant hoch ist, hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan die Erhöhungen mehrfach begrenzt. Doch die Vermieter.innen finden Mittel und Wege, diese Vorgaben zu umgehen und ihre Mieter:innen mit illegalen Methoden loszuwerden. Einige schrecken sogar vor Gewalt nicht zurück. Wenn nicht bald Schritte zur Lösung der Probleme eingeleitet werden, steuere man auf die schlimmste Wohnungskrise in der Geschichte der Republik zu, twitterte Buğra Gökçe, Stadtplaner und Mitarbeiter der Istanbuler Stadtverwaltung.

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Inzwischen scheint die AKP-Regierung unter Präsident Erdoğan den Ernst der Lage erkannt zu haben. Anfang 2024 wurde die touristische Kurzzeitvermietung eingeschränkt. Vor allem aber soll das Mammut-Sozialbauprojekt „Ev Sahibi Türkiye“ die Wohnungsnot lindern: 500 000 Sozialwohnungen will die staatliche Wohnungsbaubehörde Toki landesweit bauen. Kritischer Einwand: Statt Bauherren wie Toki, die eng mit mit korrupten Baufirmen verbandelt sind, sollten Genossenschaften bauen, so die Plattform Kadıköy Geçinemiyoruz. Die lokale Initiative aus dem Istanbuler Stadtteil Kadiköy setzt sich für ein Grundrecht auf Wohnen ein, fordert Mietobergrenzen und eine Steuer auf leerstehende Wohnungen.
Die Frage, warum sich keine breite Mieterbewegung formiert, ist angesichts der Verhaftungswellen und Repressalien, denen Politiker:innen, Journalist:innen und Aktivist:innen ausgesetzt sind, nicht schwer zu beantworten. Gegen die Studierenden der Barınamıyoruz-Bewegung wurde massive Polizeigewalt angewandt. Die Journalistin Sultan Eylem Keleş, die über den Protest berichtete, wurde im Juli 2025 wegen Widerstands zu einer Haftstrafe von acht Monaten verurteilt. Der Istanbuler Stadtplaner Gökçe sitzt seit März 2025 im Gefängnis.
Birgit Leiß
Rekord-Inflation und sinkende Wohneigentumsquote
Die 1923 gegründete Republik mit einer Bevölkerung von derzeit rund 87,7 Millionen Menschen ist laut Verfassung ein demokratischer, laizistischer und sozialer Rechtsstaat. Eine Verfassungsänderung im Jahre 2017/2018 markiert jedoch den Übergang von einem parlamentarischen System hin zu einer Präsidialrepublik mit zunehmend autoritären Zügen. Der direkt gewählte Staatspräsident, der sowohl Staatsoberhaupt als auch Regierungschef ist, verfügt über erhebliche Machtbefugnisse. Die Gewaltenteilung ist dadurch geschwächt.
Die Türkei verzeichnet nach wie vor ein hohes Wirtschaftswachstum (plus 3,1 Prozent 2024). Doch Rekord-Inflation und Währungsverfall führen zum Verlust der Kaufkraft und zunehmend zur Verarmung der Mittelschicht. Das hat auch zu einer rückläufigen Wohneigentumsquote geführt. Derzeit liegt sie bei 55,8 Prozent.
bl
Portugal
Land der krassen Wandlungen
„In Portugal sind vier Zimmer für fünf Euro zu haben“, so titelte die „Welt“ im Jahr 2011. Im Dezember 2025 lautete eine Schlagzeile der Süddeutschen Zeitung: „Lissabon: Eine Stadt, die sich kein Einheimischer mehr leisten kann“. In 15 Jahren hat sich der Mietmarkt in Portugal um 180 Grad gedreht. Kein Wunder, dass 2023 und 2024 Tausende Menschen in Lissabon und anderen portugiesischen Städten immer wieder auf die Straße gingen, um gegen explodierende Mieten zu protestieren.

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Das „Movimento Referendo pela Habitação“ („Referendums-Bewegung für das Wohnen“) sammelte zwar mehr als 11.000 Unterschriften mit dem Ziel, von der Lissabonner Stadtverwaltung eine Volksabstimmung zu erzwingen, um die Ferienvermietungen zu stoppen. Politisch drangen die Protestierenden aber nicht durch.
Um zu verstehen, wie es zu den Protesten kam, braucht es etwas Rückschau: Von den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts bis in die 70er Jahre herrschte in Portugal eine Diktatur. Unter dem Machthaber Salazar und seinem Nachfolger wurden die Mieten eingefroren, um die soziale Stabilität aufrechtzuerhalten. Mietverträge liefen über Jahrzehnte und konnten sogar an Nachkommen weitergegeben werden. Lange Zeit gab es wenig Anreiz für Vermietende, Geld in Sanierung oder Modernisierung zu stecken. Die Folge: In vielen Städten, allen voran Lissabon, verfielen die Altbauten. Auch die Gesetzesänderungen in den Nullerjahren konnten den Sanierungsrückstand nicht aufholen: Noch heute stehen landesweit mehr als 700.000 Wohnungen leer (Stand 2021).
Liberalisierung des Mieterschutzes auf Drängen der Banken
In Folge der Finanzkrise 2008, die Portugal hart getroffen hat, wurde der Mietmarkt radikal liberalisiert – eine Bedingung der Troika aus EU, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds, die mit Hilfsmaßnahmen und Geldgarantien die Krise zu meistern versuchte. Noch einmal, 2012, wurde der Kündigungsschutz gelockert und den Vertragsparteien mehr Freiheiten in der Gestaltung von Vertragslaufzeiten zugestanden. Parallel dazu erlebte Portugal einen Tourismus-Boom. Kamen 2007 noch knapp 7 Millionen Tourist:innen ins Land, waren es 2024 ganze 29 Millionen.

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2009 erschienen erste Anzeigen für Kurzzeitvermietungen. 2020 hatte Lissabon die europaweit höchste Anzahl an Airbnb-Inseraten pro Einwohner:in. Denn reguliert wurde lange nichts, im Gegenteil: Wer als Nicht-EU-Bürger:in 500.000 Euro oder mehr in Immobilien investierte, erhielt ein sogenanntes „goldenes Visum“. „Migrationsagenturen“ helfen zudem wohlhabenden Ausländer:innen, sich im Land anzusiedeln und Immobilien zu erwerben – darunter seit der letzten amerikanischen Präsidentschaftswahl viele, oft betagtere, US-Bürger:innen.

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Den 500.000 Euro, mit denen man ein Dauerbleiberecht erkaufen kann, steht das durchschnittliche portugiesische Jahresnettoeinkommen gegenüber, das 2023 bei etwa 950 Euro monatlich lag. Der Quadratmetermietpreis lag 2025 landesweit bei durchschnittlich 16,70 Euro. Da lässt sich leicht ausrechnen, dass viele Einwohner:innen sich die Miete schlicht nicht mehr leisten können. Den Protesten begegnete die sozialistische Regierung unter Präsident António Costa 2023 mit dem Programm „Mais Habitação“ („Mehr Wohnraum“), das unter anderem ein Moratorium für Ferienappartements in touristischen Gegenden sowie einen Mietendeckel und die Zwangsvermietung leerstehenden Wohnraums vorsah. Mit dem Regierungswechsel hin zur Mitte-Rechts-Partei Demokratische Allianz (AD) ab 2024 wurde das Programm eingestellt.
Katharina Buri
Die Eigentumsquote ist eine der höchsten Europas
Portugal ist heute eine repräsentative Demokratie und zählt zu den Gründungsmitgliedern der EU. Ab 1932 durchlebte das Land unter Salazar und seinem Nachfolger Caetano eine der längsten Diktaturen des modernen Europas – 1974 endete sie mit der sogenannten Nelkenrevolution. Portugal hat heute gut 10 Millionen Einwohner, von denen rund eine halbe Million in der Hauptstadt Lissabon lebt. Die Eigentumsquote lag 2024 bei 76 Prozent. Damit zählt das Land auf der iberischen Halbinsel zu den Ländern mit der höchsten Wohneigentumsquote Europas.
kb
„Überfüllt und unbezahlbar – Wohnungsnot in Portugal“ heißt eine sehenswerte ARD-Doku:
www.ardmediathek.de
Finnland
Der Wohlfahrtsstaat bröckelt
Finnland gilt weithin als wohnungspolitisch vorbildlicher Wohlfahrtsstaat. Doch die seit 2023 amtierende Rechts-Regierung kürzt die Mittel für den sozialen Wohnungsbau und das Wohngeld – und untergräbt so die weltweit hochgelobten Anstrengungen, die Wohnungslosigkeit zu beseitigen. Junge Leute suchen sich marktferne Wohnalternativen.

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Die Deregulierung des Mietmarktes begann bereits vor 35 Jahren, als für die privaten Wohnungen die Mietpreisbindung aufgehoben wurde. Die Folgen waren dramatisch: Von 1995 bis 2000 sind die Mieten um 26 Prozent angestiegen, in der Hauptstadt Helsinki sogar um 42 Prozent.
„Das Angebot an Sozialwohnungen wurde in den letzten zehn Jahren drastisch reduziert, wobei die derzeitige rechtsgerichtete Regierung fast das letzte bisschen an Unterstützung für den Neubau gestrichen hat“, erklärt Panu Lehtovuori, Professor für Stadtplanungstheorie an der Universität Tampere. Die Mittel wurden stattdessen in individuelle Wohngeldleistungen umgeleitet. „In jüngster Zeit wurde diese Beihilfe zusammen mit anderen Sozialleistungen gekürzt, was nach Jahrzehnten sehr vorbildlicher Fortschritte zu einem Anstieg der Obdachlosigkeit geführt hat“, berichtet Lehtovuori.
Sozialstaat auf dem Rückzug
Finnland wird gerühmt für die konsequente Anwendung des „Housing first“-Ansatzes, mit dem die sozialdemokratisch geführten Vorgängerregierungen die Obdachlosigkeit bis 2027 beenden wollten. Tatsächlich sind die Zahlen bis vor kurzem gesunken.

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„Helsinki weist eine Rekordzahl an leerstehenden Mietwohnungen auf, während gleichzeitig die Zahl der Obdachlosen in der Hauptstadt steigt“, stellt Anne Viita, Geschäftsführerin des finnischen Mietervereins Vuokralaiset, fest. Auch ihr Verband beklagt den Mangel an bezahlbarem Wohnraum und den Rückzug des Staates aus der Wohnungsbauförderung.

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Der Grund für den Leerstand: Internationale profitgetriebene Immobilieninvestoren haben in den letzten Jahren mehr gebaut als benötigt. „Diese haben den Mietmarkt sozial verändert“, sagt Panu Lehtovuori. Der Bestand gut gepflegter öffentlicher Sozialwohnungen sei rückläufig, während schlecht verwaltete private Mietwohnungen ohne Kontrolle darüber, wer mietet, zunähmen. „Das führt in einigen neuen Wohnanlagen zu sichtbaren sozialen Problemen, sogar zu Gewalt“, so Lehtovuori. „Dies ist in Finnland sehr neu.“
Die Wohnungsnot betrifft besonders junge Menschen. Hier gibt es seit langem eine Kultur der Selbsthilfe. So haben im Jahr 1969 Studierende in Helsinki die Studierenden-Wohnungsstiftung HOAS gegründet. Sie bietet heute 11.000 Wohnungen zum Selbstkostenpreis an. Die Mieten liegen 30 Prozent unter dem Marktniveau. Ihr Pendant in Tampere (TOAS) ist sogar schon zehn Jahre älter und hat 7000 Apartments.
Alternatives Wohnungsunternehmen von Ex-Hausbesetzern
Aus der Hausbesetzerbewegung der 1990er Jahre ist das alternative Unternehmen Oranssi Asunnot entstanden. Junge Menschen haben heruntergekommene Holzhäuser von der Stadt Helsinki übernommen und gemeinschaftlich hergerichtet. Um Kosten zu sparen, wird dabei auf manchen Wohnkomfort verzichtet. So wird oft mit Holz geheizt und gekocht, und es gibt Gemeinschaftsduschen. Zudem übernehmen die Bewohner:innen Instandhaltungsarbeiten wie das Streichen der Fassaden. Einziehen dürfen nur Menschen unter 25 Jahren, aber die Mietdauer ist unbegrenzt. So sind über die Jahre altersgemischte Hausgemeinschaften entstanden. Oranssi hat inzwischen acht Wohnanlagen mit 13 Häusern, in denen 100 Menschen leben. „Wir sind sehr motiviert, unsere Art des gemeinschaftlichen und erschwinglichen Wohnens in Zukunft mehr Menschen anzubieten“, sagt Geschäftsführer Pyry Rechardt. Die Stadt Helsinki hat auch ständig Häuser im Verkauf, erwartet inzwischen aber Marktpreise. „Früher konnten wir aufgrund des Zustands der Häuser und der Arbeit und Mühe, die wir selbst in sie investiert haben, sehr niedrige Preise aushandeln“, erzählt Rechardt. Heute gilt das als unfaire Bevorzugung gegenüber anderen Akteuren. „Das macht es für Oranssi Asunnot viel schwieriger, neue Häuser zu kaufen und mehr Wohnungen anzubieten, wenn wir auch in Zukunft niedrige Mieten beibehalten wollen“, so Rechardt.
Jens Sethmann
Landflucht Richtung Süden
In Finnland leben 5,6 Millionen Menschen auf einer Fläche, die fast so groß wie Deutschland (83,5 Millionen Bewohner:innen) ist. Die Bevölkerung konzentriert sich in den Städten im Süden. Es gibt eine anhaltende Landflucht. Die Quote derer, die in Städten leben, stieg von 1991 bis heute von 60 auf 85 Prozent. Etwa ein Drittel der Menschen wohnt zur Miete, in der Hauptstadt Helsinki rund die Hälfte. Die Mietwohnungen sind beinahe zu gleichen Teilen in privatem und öffentlichem Eigentum. Finnland ist seit der Unabhängigkeit 1917 eine parlamentarische Republik und seit 1995 EU-Mitglied.
js
Argentinien
Mietenpolitik mit der Kettensäge
Die Abschaffung des Mieterschutzes unter Präsident Milei hat Argentiniens Wohnungsmarkt radikal verändert. Mieter:innen geraten unter massiven Druck, während ihre Bewegung vor einer neuen politischen Phase steht.

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Die Mieter:innenbewegung in Argentinien erlebt unter der Regierung von Präsident Javier Milei eine historische Zäsur. Kaum eine politische Entscheidung steht so exemplarisch wie die Abschaffung des Mieterschutzes Ende 2023 für den radikalen libertären Kurs des Machthabers – dessen Bild als Aufräumer mit der Kettensäge weltweit auf den TV-Bildschirmen zu sehen war. Seitdem ist der Wohnungsmarkt weitgehend dereguliert: Mietverträge, Laufzeiten, Miethöhen und Kündigungen werden fast ausschließlich durch private Vereinbarungen besiegelt.
Dramatische Lage nach Deregulierung des Wohnungsmarktes
Für Gervasio Muñoz, Vorsitzender der landesweit einflussreichsten Mieter:innenorganisation „Inquilinos Agrupados“, bedeutet das ein Leben nach dem Gesetz des Dschungels. Die Lage sei dramatisch: Mieten sind seit dem Ende der Mietgesetze deutlich stärker gestiegen als die ohnehin hohe Inflation, weitaus schneller als die Einkommen. Laut offiziellen Daten liegen die Mietsteigerungen ein Mehrfaches über der allgemeinen Preisentwicklung. Gleichzeitig erlaubt das neue Recht den Eigentümer:innen, nahezu alle anfallenden Kosten auf die Mieter:innen abzuwälzen, von Instandhaltungen bis zu Sonderausgaben. Viele Haushalte sind damit finanziell überfordert und werden in Kündigungen oder informelle Wohnverhältnisse getrieben. Viele Menschen leben in Armenvierteln oder unter Brücken, auf Pappkartons, in kleinen Plastikzelten auf den Bürgersteigen. „Die Zahl der Obdachlosen ist brutal angestiegen“, sagt Horacio Avila von der Obdachloseninitiative „Proyecto 7“.

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Dabei mangelt es nicht an Wohnraum. Allein in Buenos Aires stehen nach Schätzungen rund 150.000 Wohnungen leer, landesweit sogar mehrere Millionen. Ohne Auflagen oder Besteuerung leer stehender Immobilien ist die Spekulation mit Wohnraum ein hochprofitables Geschäft – einhergehend mit einem massiven Geldtransfer von unten nach oben. Für die Mieter:innen-Bewegung ist dies ein zentraler Mobilisierungspunkt. Zunehmend wird Wohnen als soziales Grundrecht betrachtet, und man verbindet seine Durchsetzung mit den Kämpfen gegen weitere soziale und wirtschaftliche Missstände wie Armut, Inflation und schlechte Arbeitsbedingungen.

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Zugleich blickt man selbstkritisch auf die eigene Geschichte. Das zwischen 2020 und 2023 geltende Mietgesetz, an dessen Durchsetzung Inquilinos Agrupados maßgeblich beteiligt war, sollte durch längere Vertragslaufzeiten und eine Begrenzung von Mieterhöhungen Sicherheit schaffen und die Mieten stabilisieren. Tatsächlich gingen die Preise zeitweise sogar zurück, doch die mangelnde Durchsetzung der Vorschriften, der Widerstand der Immobilienlobby und das politische Tauziehen führten zu einem Verlust des Vertrauens in die staatliche Regulierung.
Warten auf das Ende der Regierung
Dieses Vakuum begünstigte Mileis Aufstieg und seine radikale Deregulierungspolitik. Heute kommen Mieter:innen mit existenziellen Sorgen in die Beratungsstellen: Wie soll ich die Miete bezahlen? Wohin geht man als Familie nach einer kurzfristigen Kündigung? Wie überlebt man, wenn mehr als die Hälfte des Einkommens fürs Wohnen ausgegeben werden muss? Die Bewegung hilft mit Rechtsberatung, agitiert mit öffentlicher Anklage und ist dabei, neue politische Perspektiven zu entwickeln. Man bereitet sich bereits auf die Zeit nach Milei vor und diskutiert Modelle, die die Logik des Marktes grundsätzlich infrage stellen, fordert etwa langfristige Verträge, an Steuerwerten orientierte Mieten und eine stärkere kollektive Interessenvertretung nach dem Vorbild von Gewerkschaften. „Wenn diese Regierung am Ende ist, in zwei Jahren oder weniger, werden wir unsere Vorstellungen einfordern“, gibt sich Munoz kämpferisch. In einem polarisierten Land, in dem Immobilienbesitz als Aufstiegsversprechen gilt und mächtige wirtschaftliche Akteur:innen großen Einfluss haben, sind ihre Ziele ambitioniert. Doch die aktuelle Krise hat die Mieter:innenbewegung sichtbarer und politischer gemacht als je zuvor.
Stefan Klein
Prekäre Verhältnisse auch im Wohnungseigentum
Argentinien hat rund 47 Millionen Einwohner:innen und steht mit seiner Bevölkerungszahl an dritter Stelle der südamerikanischen Staaten. Die Bevölkerung ist stark urbanisiert. Disparitäten bei Einkommen und Zugang zu Ressourcen werden vor allem durch die Regionen geprägt. Die Wohneigentumsquote ist mit etwa 69 Prozent relativ hoch, was aber nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass viele Haushalte von prekären Wohnverhältnissen betroffen sind. Nach Jahren extremer Inflation steuert die libertäre Regierung unter Präsident Milei auf Wachstum und Stabilisierung, doch Armut und soziale Spannungen bleiben groß. Die jährliche Inflation ist zwar deutlich gesunken, liegt aber mit circa 30 Prozent im Jahr weiterhin auf hohem Niveau und beeinflusst Kaufkraft und Lebenshaltungskosten stark.
stk
Spanien
Die Zahl der Mieterhaushalte wächst wieder
Im April des vergangenen Jahres gingen Spaniens Mieter:innen auf die Straßen. In 40 Städten protestierten sie für das Recht auf Wohnen. Trotz mancher Reformen der Mitte-Links-Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez (PSOE) bleibt die Wohnungsnot groß.

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„Derecho a techo. A justo precio“ war einer der Slogans bei den spanischen Mieter:innenprotesten im April 2025: Für das Recht auf ein Dach über dem Kopf, zu einem gerechten Preis. Organisiert wurden die Demonstrationen, an denen nach Angaben der Veranstalter:innen 200.000 Menschen teilnahmen, von Mieter:innengewerkschaften wie dem katalonischen „Syndicat de Llogateres“ und dem „Sindicato de Inquilinas e Inquilinos de Madrid“.
Zwar lebt die Mehrheit der Spanier:innen in Wohneigentum – vorwiegend in großen Wohnanlagen – doch die Zahl der Mieter:innen ist in den letzten Jahren gestiegen. Wohnten 2008 noch 19,8 Prozent der spanischen Bevölkerung zur Miete, waren es 2024 bereits 26,3 Prozent. Ein Grund hierfür liegt in der strikteren Geschäftspolitik der Banken. Sie verlangen zum Beispiel heutzutage mehr Eigenkapital von Kund:innen, die einen Kredit für einen Wohnungskauf aufnehmen möchten. Ohne Unterstützung aus der Familie ist es daher jungen Paaren kaum mehr möglich, einen Kredit zu finanzieren. Sie wohnen also zur Miete, und weil die Mieten in Spanien stark gestiegen sind, können sie auch nichts ansparen, um später eine Wohnung zu erwerben. Auf dem Mietwohnungsmarkt konkurrieren sie mit all denen, die ohnehin schon immer auf Mietwohnungen angewiesen sind.
Neues Gedränge auf dem Wohnungsmarkt
Mietverträge sind in Spanien befristet. Waren es früher drei Jahre, gilt seit dem neuen spanischen Wohnraumgesetz von 2023 eine Frist von fünf Jahren, jedenfalls dann, wenn der Vertrag mit einem privaten kleinen Vermieter abgeschlossen wurde. Sieben Jahre beträgt die Frist bei großen Unternehmen. Rechtzeitig von Vermieterseite gekündigt, müssen sich Mieter:innen dann nach einer neuen Wohnung umsehen und erhalten nur in Ausnahmefällen die Erlaubnis, ein achtes Jahr zu bleiben. Gleichzeitig gelten in Spanien nun Mietobergrenzen für „zonas tensionidas“, die in etwa dem deutschen „angespannten Wohnungsmarkt“ entsprechen. Die Gebiete definieren, wie in Deutschland die Bundesländer, die autonomen Regionen. Vermieter:innen müssen sich bei Neuvertragsabschlüssen an einen Mietendeckel und Kappungsgrenzen halten. Anders als früher, als sich die Mieterhöhung an der Inflationsrate orientieren durfte, gibt es nach neuem Recht staatlich festgelegte Grenzen. Diese Mietobergrenzen können das Realeinkommen der Bewohner:innen berücksichtigen.

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In konservativ regierten Regionen findet das Gesetz jedoch keine Anwendung. Anders in der Region Katalonien. Dort kann man daraufhin auch signifikant sinkende Mieten melden – in Barcelona etwa um 6,4 Prozent. Dass das Gesetz letzlich doch nicht zum großen Erfolg wurde, liegt an einem Schlupfloch: Ausgenommen von ihm sind Kurzzeitvermietungen, hier gelten keine Mietbegrenzungen. Einschlägige Portale und Rechtsanwaltskanzleien weisen daher schon länger sanft darauf hin, wie sich mit Kurzzeitvermietungen trotz der veränderten Gesetzeslage weiterhin Geld machen lässt – schließlich ist Spanien ein beliebtes Reiseland und Touristen lieben es bekanntlich, genauso zu wohnen wie die Einheimischen. Letztere bleiben dabei dann auf der Strecke.
Carola Rönneburg
Die Versprechen der Verfassung
Das Königreich Spanien ist erst seit 1978 qua Verfassung eine parlamentarische Erbmonarchie. Im Land, auf seinen Inselgruppen und in den Exklaven leben knapp 48 Millionen Menschen. In Artikel 47 der spanischen Verfassung heißt es: „Alle Spanier haben das Recht auf eine würdige und angemessene Wohnung. Die öffentliche Gewalt fördert die notwendigen Voraussetzungen und setzt die entsprechenden Vorschriften zur wirksamen Anwendung dieses Rechts fest. Sie regelt die Nutzung des Bodens im Interesse der Allgemeinheit und zur Verhinderung der Spekulation. Die Gemeinschaft ist am Wertzuwachs beteiligt, der durch Städtebaumaßnahmen der öffentlichen Hand entsteht.
cr
26.01.2026




