MieterMagazin

 November 2002 - Ausland

Tschetschenien

Grosnys Rückkehrer stehen vor dem Nichts

Vom Fenster seiner Wohnzelle in der Rückkehrerunterkunft hat Khamid Apajew einen ganz hervorragenden Blick - auf sein zerstörtes Eigenheim, Majakowski-Allee 125, gleich neben dem Schukowsky-Checkpoint. "Da ist nichts mehr übrig, das Dach ist weg, die Zwischenböden der Etagen sind durchgebrochen", bilanziert der Mann mit dem schwarzen Käppchen auf dem Kopf und holt seine Papiere vom Schrankbord herunter. "Meinen Militärdienst damals zu Sowjetzeiten habe ich in Ostdeutschland absolviert, dann habe ich als Kraftfahrer im sibirischen Jakutsien geschuftet." Das ersparte Geld eines langen Berufslebens steckte Apajew in das Häuschen in seiner Heimatstadt, der tschetsche-nischen Hauptstadt Grosny. Dann kamen die russischen Bomber. Fünf Monate dauerte das Flächenbombardement.

Ein paar Goldkronen im Mund, gepflegte Kleidung, eine in diesem Ruinenambiente exotisch anmutende Kuckucksuhr und ein Fernseher mit dem elektronischen Schneegestöber dauernder Bildstörungen sind alles, was ihm geblieben ist. "Von Politik verstehe ich nichts", sagt Apajew offenherzig. "Ich bin ein einfacher Mann, Mechaniker. Wer Schuld ist an diesem Krieg, ich weiß es nicht. Doch wenn mir die russischen Behörden eine Entschädigung anbieten würden für mein zerbombtes Haus, ich würde sie annehmen, dann könnte ich mir ein neues Haus bauen." In seinem Selbstverständnis ist Apajew ein ganz normaler Bürger der russischen Föderation mit, wie der Zufall es fügte, tschetschenischer Nationalität.

Mit den Rebellen, die nachts in den Straßen von Grosny selbst gebastelte Sprengfallen gegen pro-russische tschetschenische Milizen und russische Soldaten einrichten, will er nichts zu tun haben. Als "ganz normaler tschetschenischer Russe" pocht Apajew auf sein gutes Recht: auf finanzielle Wiedergutmachung für die von seinem Staat an seinem Eigentum angerichteten Schäden. Doch bislang hat Apajew keine Kopeke Entschädigung erhalten. Stattdessen haust er zusammen mit weiteren 905 Rückkehrern in einem offiziell "renovierten" Wohnblock ohne Toiletten.

Heute, im Herbst 2002, ist Grosny immer noch ein Ruinenfeld. Bis spätestens Ende des Jahres sollen alle Flüchtlinge zurückkehren. So wollen es die Präsidenten Russlands, Inguschetsiens und der tschetsche-nische Verwaltungschef Akhmad Kadyrow. Zunächst war von Anfang Sommer, dann von Ende September, schließlich von Ende Oktober als Rückkehrfrist die Rede. Angesichts von vermutlich über 100000 Flücht-lingen in Inguschetsien und noch einmal so vielen Binnen-Vertriebenen innerhalb Tschetscheniens ist auch der jüngste Plan - Rückkehr bis Jahresende - völlig utopisch, wie humanitäre Helfer übereinstimmend meinen. In den Augen von Präsident Putin muss das Tschetschenien-Problem rechtzeitig vor den russischen Präsidentschaftswahlen 2004 vom Tisch sein. Deshalb steuert Putin eine zügige politische Lösung des Konfliktes an - obwohl immer noch täglich gekämpft wird: eine neue Verfassung für Tschetschenien, eine Volksabstimmung (bereits im Dezember geplant) sowie Regional-Wahlen. Die Rückführung der Flücht-linge ist Teil dieser Strategie. Kehrten tatsächlich alle Vertriebenen rasch zurück, könnte Putin dies als "Normalisierung" darstellen.

Wird Druck ausgeübt auf die Flüchtlinge? Es mehren sich Berichte, nach denen in den Flüchtlingslagern der Strom abgedreht, Brot nur noch gegen Geld vergeben wird, die bürokratischen Schikanen zunehmen und russische Spezialtruppen verstärkt Identitätskontrollen durchführen. Khamid Apajew sagt: "Nein, wir sind freiwillig zurückgekehrt." Doch er und seine Familie hatten Glück im Unglück. In Inguschetsien konnte er mit seiner altersschwachen, pflegebedürftigen Mutter, seiner Frau und seinen Kindern bei Freunden unterschlüpfen. "Gastfreundschaft ist gut, aber man kann sie nicht über Jahre hinweg beanspruchen", erläutert Apajew seinen Entschluss zur Rückkehr in die Ruinen-Landschaft von Grosny.

Mit falschen Versprechungen zurückgelockt

Anders erging es Assia Zhatakhanow. Mit falschen Versprechungen sei sie mit ihren Kindern zurück nach Grosny gelockt worden, meint sie. "Wer ein zerstörtes Haus hat, bekommt Entschädigung", hätten die Beamten im südrussischen Flüchtlingslager allen Vertriebenen versprochen. Dann seien sie auf Lastwagen verfrachtet und zurück ins zerbombte Grosny gefahren worden, berichtet Zhatakhanow. Jetzt lebt sie mit ihren Kindern auf engstem Raum in einem oberflächlich übertünchten, zehnstöckigen Rückkehrerheim. Wasser wird in Tanks angeliefert. "Wir können uns noch nicht einmal waschen. Was soll nur im Winter aus uns werden?"

Der von Putin eingesetzte Chef der pro-russischen tschetschenischen Verwaltung, Akhmad Kadyrow, ist der eigentliche "starke Mann" in Grosny. Er entscheidet, in welches Wiederaufbauprojekt welche Hilfsgelder aus Moskau fließen. Im Interview widerspricht der bullig gebaute Mann den Vorwürfen internationaler Hilfsorganisationen heftig: "Wenn irgendjemand befürchtet, dass wir die Menschen auf der Straße sich selbst überlassen oder wenn uns jemand unterstellt, dass wir die Flüchtlinge gegen ihren Willen zurückführen, dann ist das schlicht und einfach nicht wahr", sagt Kadyrow, früher Mufti - oberster religiöser Würdenträger Tschetscheniens. Keine einzige Familie sei zur Rückkehr aus Inguschetsien gezwungen worden, betont Kadyrow. Von der Wand über seinem Kopf blickt Präsident Putin zustimmend aus seinem Fotorahmen.

Zara Salayewa stellt die Rückkehr anders da: "Die Behörden versprachen uns Hilfe beim Wiederaufbau unserer Häuser, doch niemand hat bis heute Hilfe erhalten." Zusammen mit sechs weiteren Familienmitgliedern wurde sie in eine der winzigen Wohnzellen des Rückkehrerheimes gepfercht. Vier Bettgestelle sind in jedem der zwölf Quadratmeter kleinen Zimmer. Tags-über dienen sie als Sofa und Ablagefläche. Doch viele Großfamilien müssen abends aus Decken zusätzliche Bettenlager auf dem Boden herrichten. Drei Familien teilen sich eine Kochstelle an den Gasherden. Damit in der peinlich sauberen Küche keine Minute ungenutzt bleibt, haben sich alle Familien auf einen strikten Kochplan geeinigt.

Ein kariertes Blatt Papier, ausgerissen aus einem Schulheft, ist an die Wand gepinnt. Auf einen Blick lässt sich erkennen, welche Familie gerade dran ist fürs Kochen in Schichten. In unregelmäßigen Abständen liefert die russische "Migrationsbehörde" Mehl, manchmal auch eine Ladung Konservendosen. "Als wir die Kondensmilch aufgemacht haben, waren schwarze Punkte innen auf dem Deckel", erinnert sich die 40-jährige Roza Yusupowa. "Wir haben die Milch trotzdem getrunken, es gab ja nichts anderes. Doch das Dosenfleisch mussten wir wegwerfen, das war verdorben."

Keine Arbeit für die Heimkehrer

Nur ganz wenige Rückkehrer haben bislang einen Arbeitsplatz gefunden. Ganze Familienverbände sind auf das mittlerweile wieder ausgezahlte Kindergeld und die schmalen Altersrenten angewiesen. Pro Kind gibt es 70 Rubel monatlich. Als Vergleichsmaßstab: Auf dem "freien Markt" beläuft sich die Monatsmiete für eine kleine Appartmentwohnung auf 500 Rubel. Zura Tepeshewa hat für ihre achtköpfige Familie diese private Lösung gewählt. Das Mietgeld leiht sie sich von Verwandten zusammen, "lange kann das aber so nicht mehr weitergehen."

In dem labyrinthischen Gänge- und Treppengewirr einer Notunterkunft am Stadtrand fragen wir uns durch zur Krankenstation. Ein säuerlicher Geruch und lautes Stöhnen weisen den Weg. Eine der Wohnzellen im zweiten Stock ist spartanisch mit Pritsche, Vorhang und Schreibtisch als Konsulta-tionszimmer hergerichtet. Eine Mittfünfzigerin hält sich den aufgedunsenen Bauch, hat hörbar Schmerzen. "Chronische Mangelkrankheiten, Herzbe-schwerden, Probleme mit dem Kreislauf, Angstzustände", listet die Leiterin der Station die häufigsten Gesundheitsprobleme der Rückkehrer auf. Und mit einer Geste hinüber zu dem ärmlich ausgestatteten Arzneimittel-Schrank weist sie auf ausbleibende Medikamenten-Lieferungen hin. "Außerdem fehlt es den Kindern an Vitaminen", beklagt die Ärztin. In vielen der großen Rückkehrerheime ist eine solche Krankenstation eingerichtet. Der Grund ist denkbar einfach: Bei Einbruch der Dämmerung bis zum Morgengrauen gilt eine inoffizielle Ausgangssperre. Nachts gibt es keine Möglichkeit, ins Krankenhaus zu kommen, da gehört die Straße Rebellen, Milizen und Soldaten. Also haben die Behörden eben einen Rund-um-die-Uhr-Notdienst in den Heimen selbst eingerichtet.

Krankenschwester Luisa Andyijewa schiebt 24-Stunden-Schichten im Heim. "Die Lebensbedingungen hier verstoßen gegen sämtliche sanitären Grundregeln: Die Duschen funktionieren nicht, die Toiletten sind die reinste Katastrophe und es ist kalt", empört sich Andyijewa. Wenn einer der rund 500 Rückkehrer in dem überfüllten Wohnblock nachts auf die Toilette will, muss er sich vom Wachposten aufschließen lassen. Auf einem benachbarten Feld wurden Plumpsklos und Latrinengräben ausgehoben. "Ich selbst habe mir eine üble Lungenentzündung eingehandelt", berichtet Krankenschwester Andyijewa. "Das Gebäude macht krank." Die ersten Rückkehrer seien hier am 23. März eingetroffen, seitdem habe sich nicht das geringste an den Missständen geändert.

Droht die humanitäre Katastrophe?

Wer warm duschen möchte, der muss sich unten das Wasser aus der Straßenleitung in einen großen Bottich füllen, diesen die Treppen hochschleppen in die Gemeinschaftsküche und das Wasser auf dem Gasherd erhitzen. Und wenn wieder einmal etwas mit der Gasleitung nicht stimmt, dann gibt es eben kein warmes Wasser. Was sich im Sommer noch mit Humor und Improvisationstalent übergehen ließ, dürfte bald, in wenigen Wochen, wenn die kalte Jahreszeit beginnt, zu einem bitter-ernsten Problem werden. Nicht umsonst warnen internationale Hilfs-organisationen vor einer "humanitären Katastrophe", sollten tatsächlich alle Flüchtlinge bis Ende des Jahres in die zerstörten Städte Tschetscheniens zurückkehren. Schon bis September sollen 12000 Flüchtlinge in 15 hastig reparierte Wohnblöcke in Grosny, Argun, Gudermes und weiteren Städten einquartiert werden. Das Geld für die notdürftige Renovierung stammt aus dem Haushalt der russischen Migrationsbehörde, die ihrerseits Abgaben auf den Verkauf tschetschenischen Erdöls erhebt. Die pro-russische tschetschenische Verwaltung beziffert die Kosten für den Wiederaufbau der zerbombten Häuserzeilen in den Städten und Dörfern auf 20 Milliarden Rubel. Nur zum Vergleich: Das offizielle Gesamtbudget für sämtliche Haushaltsposten beziffert sich in diesem Jahr auf gerade einmal sieben Milliarden Rubel. Und davon kommt gerade einmal eine Milliarde aus eigenen Steuereinnahmen.

Als die russischen Bomben auf Grosny fielen, flüchtete die Familie von Marja aufs Land. Die Kriegsjahre verbrachte das kleine, schwarzhaarige Mädchen mit den großen, braunen Augen in dem Dorf Awtura. Erst seit drei Monaten ist die 13-jährige Marja mit ihren Angehörigen wieder zurück in ihrer Geburtsstadt. Obwohl das Haus schwere Kriegsschäden aufweist, entschieden sich Marjas Eltern, nicht ins Flüchtlingswohnheim zu gehen, sondern in die eigenen vier Wände. Marja strahlt über das ganze Gesicht: Sie hat einen Platz in der "Schule Nummer 7" im Lenin-Viertel bekommen, die als eine der besten gilt. Zwar funktioniert das Licht nicht, es gibt keine Zentralheizung und Schuldirektor Khamzat Kukayew klagt, er habe gerade mal ein Viertel des benötigten Lehrmaterials. Doch mit UNICEF-Geld konnten zumindest die gröbsten Kriegsschäden beseitigt werden. Dreimal bekam die Schule schwere Treffer ab. Davon ist heute nichts mehr zu sehen. Die beiden Tschetschenien-Kriege zerstörten jede vierte der insgesamt 600 Schulen im Land.

Ein Jahrzehnt lang gab es keinen geregelten Schulunterricht. Eine ganze Generation wuchs auf ohne Lehrer, viele der heute 15- bis 17-Jährigen ha-ben große Probleme mit dem Lesen und Schreiben. Marja hat damit zwar keine Schwierigkeiten, doch ihr Russisch ist ausgesprochen schlecht. Ihr Berufsziel steht fest: Sie will Ärztin werden. Erstaunlich: Viele ihrer Klas-senkameraden haben sich ähnlich hohe Ziele gesteckt - Anwalt, Lehrer, Übersetzer nennen die Jugendlichen als Berufswunsch. Draußen im Schul-flur hängen Kinderzeichnungen. Brennende Häuser, Kampfhubschrauber im Angriffsflug. Daneben ein anderes Bild: Mit bunten Filzstiften und unge-lenker eckiger Großschrift hat hier eines der Kinder MIR buchstabiert - das russische Wort für Frieden.

Hans von der Brelie

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Hastig repariert: ein zum Rückkehrerheim umfunktio-
nierter Wohnblock in Grosny
alle Fotos: Musa Sadulayer

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Ein Rückkehrerheim in Grosny: die sanitären Einrichtungen sind unbrauchbar ...

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... die Wohnräume beengt

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Fünf Monate Flächen-
bombardement: Grosnys Innenstadt ist eine Ruinen-
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