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Ein wahres Armutszeugnis: 435364 Berliner sind arm. Das entspricht 12,8 Prozent der Bevölkerung. Diese Zahlen veröffentlichte kürzlich die Senatsverwaltung für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz in der Studie "Armut und soziale Ungleichheit in Berlin". Die Daten stammen aus dem Jahr 1999, seitdem ist es nicht besser geworden. Die Schere zwischen Arm und Reich gehe immer weiter auseinander, so Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (PDS).
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Arm ist laut Definition der, dem weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens zur Verfügung steht (siehe Kasten: "In Zahlen"). Als reich gilt, dessen Einkommen das Doppelte des Durchschnitts überschreitet. Armut und Reichtum sind in Berlin räumlich und gesellschaftlich sehr ungleich verteilt. In den Westbezirken liegt die Armenquote mit 14,2 Prozent deutlich höher als im Ostteil der Stadt, wo 10,6 Prozent als arm zählen. Noch krasser sind die Unterschiede, wenn man sich die Zahlen auf der Ebene der 1999 noch bestehenden Alt-Bezirke ansieht: Besonders die westlichen Innenstadtbezirke sind stark betroffen. Den höchsten Anteil von Armen hat Kreuzberg mit 26,4 Prozent, gefolgt von Wedding (23,6 Prozent), Tiergarten (17,9 Prozent), Neukölln und Schöneberg (je 17,1 Prozent). Erst dann kommen in der Rangfolge die ersten Ostbezirke: Friedrichshain und Hohenschönhausen mit 14,9 beziehungsweise 14,2 Prozent. Die wenigsten Armen wohnen - was kaum überrascht - in Zehlendorf (5,3 Prozent) sowie in Köpenick und Treptow (6,0 beziehungsweise 6,3 Prozent). Die Einkommensverhältnisse sind im Osten ausgeglichener. Es gibt hier etwas weniger Arme, aber auch viel weniger Reiche als im Westteil. Mehr Reiche als Arme gibt es nur in den Bezirken Zehlendorf (21 Prozent der Bevölkerung), Wilmersdorf (12,3 Prozent) und Steglitz (9,9 Prozent). In Kreuzberg, Treptow, Köpenick und Hohenschönhausen hingegen liegt der Reichtumsanteil unterhalb der statistischen Messbarkeit.
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Je mehr Personen in einem Haushalt leben, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, von Armut betroffen zu sein. Nur 6,3 Prozent der Zwei-Personen-Haushalte gelten als arm, unter den Haushalten mit fünf und mehr Mitgliedern sind es hingegen 38,6 Prozent. Letztere sind meist kinderreiche Familien. Die Kinderarmut nennt der Bericht "erschreckend": Fast jedes vierte Kind (23,6 Prozent) lebt unter der Armutsschwelle, bei den unter Dreijährigen ist es sogar beinahe jedes dritte (31,8 Prozent). Noch dramatischer ist die Situation in Alleinerziehenden-Haushalten, deren Zahl immer weiter zunimmt. Mit zwei Kindern sind Alleinerziehende zu 35,6 Prozent von Armut betroffen, bei mehr Kindern fast die Hälfte.
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Ausländer sind rund viermal häufiger arm als Berliner mit deutschem Pass: 39,2 Prozent der ausländischen Bevölkerung leben in Armut. Ein fehlender Schulabschluss geht oft mit Armut einher: Fast die Hälfte (44,3 Prozent) der Berliner ohne abgeschlossene Schulbildung ist arm. Im Zusammenhang mit der Pisa-Studie offenbart sich ein Teufelskreis, von dem besonders Migranten betroffen sind: Armut verringert die Bildungschancen und schlechte Bildung erhöht das Armutsrisiko. Wenigstens eine positive Nachricht kann der Armutsbericht vermelden: "Die Zeit der Altersarmut ist vorerst vorbei."
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Zur Bekämpfung der Armut hält Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner die Erhöhung von Sozialleistungen für keine nachhaltige Lösung. "Der wichtigste Beitrag zur Armutsbekämpfung ist und bleibt eine ausreichende Zahl von Arbeitsplätzen", heißt es in der Studie. Dazu wird eine aktive Arbeitsmarktpolitik angemahnt.
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Alleinerziehende sollen besser unterstützt werden, statt der Ehe soll die Elternschaft privilegiert werden. Müttern soll außerdem erleichtert werden, Kinderbetreuung und Erwerbstätigkeit unter einen Hut zu bekommen. Bildung und Ausbildung, insbesondere von Migranten, sollen verbessert werden. Das Augenmerk gilt den besonders betroffenen Stadtteilen. Hier werden bezirkliche Beschäftigungsbündnisse angeregt, die vor Ort vorhandene Arbeitsplätze sichern sowie zukunftsträchtige Beschäftigungsfelder und neue Ausbildungsplätze erschließen sollen.
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Jens Sethmann
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Jeder achte Berliner ist arm: Suppenküche des Franziskaner-Klosters
in Pankow
Foto: Paul Glaser
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In Zahlen
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Wer gilt als arm?
Als arm gilt jemand, der weni-ger als die Hälfte des Berliner Durchschnittseinkommens (im Berichtsjahr 1999 monatlich 2137 DM/1069 Euro) zur Ver-fügung hat. Je nach Anzahl der Personen werden die Haushalte gewichtet.
Die Armutsgrenze liegt bei:
- 1069 DM/546 Euro für die
erste Person des Haushalts,
- 748 DM/382 Euro für jeden weiteren Erwachsenen,
- 534 DM/273 Euro für jedes Kind unter 15 Jahren.
Ein Paar mit einem Kind gilt also als arm, wenn es weniger als 1201 (546+382+273) Euro im Monat zur Verfügung hat.
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