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Seit fast 90 Jahren pilgern Abenteurer auf der Suche nach Opal in das Wüstenkaff Coober Pedy, mitten ins australische Outback. Dort sind nicht nur die meisten Arbeitsplätze unterirdisch, sondern auch viele Wohnungen.
Der Schauplatz liegt zwei Flugstunden nördlich vom südaustralischen Adelaide. Zeit zum Tagträumen. Der Blick aus dem Fenster der Propellermaschine schweift über endlose flache Wüste, Erde wie spröde Haut, trocken und rissig. Keine Menschenseele weit und breit. Erst als das Flugzeug bereits zur Landung angesetzt hat, fängt das Auge zwischen der endlosen Weite plötzlich unzählige Löcher ein, daneben Sandhaufen, winzig klein sehen sie von oben aus, wie Maulwurfshügel. Nicht weit davon ein paar Kräne, erstes Leben in der Wüste. "Willkommen in Coober Pedy, viel Spaß im Untergrund", schreit der Pilot aus dem Cockpit den fünf Passagieren zu. Dann öffnen sich die Flugzeugtüren. Vom Boden aus betrachtet werden aus den Maulwurfshügeln riesige Sandhaufen, aus winzigen Löchern meterbreite Eingänge zu Schächten. In Coober Pedy dreht sich alles um die Suche nach Opalen. Das Wüstenkaff ist die Opal-Hauptstadt der Welt: Über 70 Prozent der bunt schimmernden Edelsteine aus wasserhaltiger Kieselsäure werden hier gefunden. 1915 hatte ein Teenager in der Region erstmals Opale entdeckt, per Zufall auf der Durchreise. Tausende Abenteurer aus aller Welt pilgerten anschließend in die Einöde. Erst Jahre später taufte man das Wüstenkaff "Coober Pedy" - in Anlehnung an den Namen "Kupa Piti", den die Aborigines, die australischen Ureinwohner, dem Ort gegeben hatten: "Weißer Mann im Loch." Der Name ist noch heute Programm: Wer in Coober Pedy zu Hause ist, arbeitet nicht nur unter Tage, sondern hat auf der Flucht vor Temperaturen von bis zu 50 Grad häufig auch seine Wohnung in den Untergrund verlegt. Tief unter die Erde. Rund die Hälfte der 2000 Bewohner Coober Pedys lebt in so genannten Dugouts, Wohnhöhlen, die sie meist selber in den Untergrund gefräst haben. Hotels, Supermärkte und Kirchen - in Coober Pedy wird fast alles tiefer gelegt.
22 Jahre statt zwei Tage
"In unserem Dugout sind immer zwischen 20 und 25 Grad, egal ob draußen im Sommer 50 oder im Winter auch mal 4 Grad sind", sagt Barbara Lamont und fläzt sich in ihrem geräumigen Wohnzimmer auf einer grünen Ledercouch. Seit 22 Jahren lebt die gebürtige Mindenerin in Coober Pedy. Anfangs hauste sie in einem winzigen Dugout - eine Höhle, nur mit einer Spitzhacke in den Stein gemeißelt. Heute lebt die 50-Jährige mit Ehemann Peter auf 150 Quadratmeter Luxus-Untergrund: sechs Zimmer, zwei Badezimmer mit Badewanne und Dusche, Einbauküche mit Geschirrspüler, Satelliten-TV - und die Regale, einfach aus der Wand gefräst. Barbara und Peter Lamont hatten Glück. Auf ihrem Grundstück gab es einen großen Hügel: Gute Voraussetzung für den Bau eines Dugouts. Wie bei einem Laib Brot konnten sie vom Hügel ein Stück abschneiden. So konnten sie an der Schnittstelle einen idealen Eingang schaffen. Mit einer riesigen Fräse höhlten sie den steinigen Laib anschließend teilweise aus. Der Vorteil: Der Eingang ist fast ebenerdig - eine kleine Steintreppe führt nur ein paar Stufen tiefer in die Erde - dann steht man direkt im Wohnzimmer. 1982 hatte sich die damals 27-jährige Designerin Lamont ein halbes Jahr Auszeit zum Reisen genommen: Indien, Indonesien, schließlich "Down under" - Australien. Zwei Tage wollte sich die Deutsche "das skurrile Leben in Coober Pedy angucken", dann traf sie den Australier Peter, der dort nach Opalen suchte: Nach fünf Wochen waren sie verlobt, nach zwei Monaten verheiratet. Barbara Lamont kündigte ihren Job in Deutschland und zog aus ihrer Mindener Wohnung "im vierten Stock mit wunderbarem Balkon und Super-Aussicht" in den Untergrund. "Das war eine ganz schöne Umstellung", grinst die 50-Jährige und rührt ihren Kaffee um. "Als ich ankam, war ich ein verwöhntes Ding in Designerklamotten, das habe ich mir schnell abgewöhnt." Sie stieg in Jeans und Sweatshirt und ging mit Peter auf Opalsuche. Und das macht sie bis heute. Was sie unter Tage findet, lässt sie zu Ringen, Anhängern oder Broschen verarbeiten und verkauft den Schmuck in ihrem Laden "The Opal Cutter". Über Tage trägt sie lange wieder ihre Designerklamotten. Die staubige Höhle haben die Lamonts seit Jahren in ihren heutigen unterirdischen Palast ausgebaut. "Eine Knochenarbeit", sagt Barbara Lamont.
Ein unterirdischer Palast
Mit riesigen Maschinen flexte das Paar die Räume in den Stein, rund 35 Meter arbeiteten sie sich am Tag voran. In Schubkarren transportierten sie den Abraum aus dem Untergrund, einen Teil saugten sie mit riesigen Schläuchen ab. Der Rohbau dauerte nur zwei Wochen, die Feinarbeiten mit Presslufthammer und Spitzhacken Monate: Barbara und Peter Lamont legten Schächte zwischen den Zimmern an, um die Luft zirkulieren zu lassen. Sie verlegten Stromleitungen und ließen sie anschließend unter einem Zementboden verschwinden: "Ein guter natürlicher Kühler." Sie lackierten die rohen Steinwände, setzten Türen ein, kümmerten sich um Sonderanfertigungen für Küche und Bäder. Und als drinnen alles fertig war, machte sich Barbara Lamont an den Garten: Für jeden Strauch musste sie jeweils einen drei Meter tiefen und ein Meter breiten Schacht fräsen, das Loch mit Erde und Kompost füllen und dann erst die Pflanze einsetzen. "Eine unglaubliche Arbeit, das sieht keiner." Viele Materialien für den Umbau musste das Paar im 550 Kilometer entfernten Adelaide besorgen, der Weg war lange eine Tortur: 350 Kilometer der Strecke waren Schotterpiste, bis die Straße nach Adelaide 1987 komplett asphaltiert wurde. Und trotzdem: Für Barbara Lamont hat sich der Kampf gelohnt: "In einem ganz normalen Haus leben - nie wieder!" Dabei hat für viele Bewohner Coober Pedys die Liebe zum Dugout auch ganz wirtschaftliche Gründe. "Rund 120000 Dollar haben wir in den Bau gesteckt", sagt Barbara. Ein im Komfort vergleichbares Haus über der Erde hätte sie etwa das Dreifache gekostet. Auch die laufenden Kosten sind niedriger. Wer sein Haus mit einer Klimaanlage auf erträgliche Temperaturen kühlt, zahlt im Monat zwischen 600 bis 900 Dollar für Elektrizität. "Wir haben dank der natürlichen Isolierung nur 100 Dollar Stromkosten im Monat." Das Wenige, was sie an Elektrizität brauchen, garantiert ihnen im Notfall ein Generator. Denn Stromausfälle sind in Coober Pedy die Regel. Ein- bis zweimal in der Woche versagt die Elektrizitätsversorgung, an besonders heißen Tagen sogar bis zu zehnmal - ein Überbleibsel der katastrophalen Zustände, unter denen die Bewohner Coober Pedys bis in die 70er Jahre hausten: Der Postbote kam nur einmal in der Woche. Es gab weder Kläranlagen noch Wasserleitungen. Ein Tankwagen lieferte nur alle zwei Wochen Wasser an - 200 Liter pro Familie. Die Bewohner Coober Pedys benutzten es doppelt und dreifach, man wusch seine Haare nur einmal in der Woche.
Wildwuchs unter Kontrolle
"Inzwischen ist in Coober Pedy die Zivilisation eingekehrt", sagt Charlotte Whincup. "Und ein Dugout bietet heute jeden Komfort eines normalen Hauses." Auch in den Variationsmöglichkeiten konkurrieren die Wohnhöhlen mit überirdischen Gebäuden. Charlotte Whincups Dugout ist etwas Besonderes. "Meine fünf Zimmer sind komplett unterirdisch", sagt sie. "Komm doch mal vorbei." Gerne. Ein paar Stunden später steige ich in einem Schacht eine lange Steintreppe hinunter, schätzungsweise acht Meter in den Untergrund. Am Ende wartet eine riesige Wohnhöhle, in der man sich gut Fred Feuerstein vorstellen kann: Um den rund geschnittenen Hauptraum gruppieren sich in einem Kreis drei weitere, nur mit spanischen Wänden abgetrennte Zimmer. Alles ist felsig, die Wände kurvig, der Weg von Raum zu Raum führt unter etlichen Rundbögen hindurch. Gedanken über die Sicherheit im Untergrund musste sich früher jeder selber machen. Unter der Erde herrschte unkontrollierter Wildwuchs. Seit rund zweieinhalb Jahren müssen die Untergrundbauer jedoch Konstruktionspläne bei der Stadtverwaltung einreichen. "Es gab einen tragischen Unfall, bei dem Menschen starben", erzählt Barbara Lamont. Angst hat die gebürtige Deutsche in ihrer Untergrund-Wohnung nie. Auch nicht, wenn sie nach Opalen sucht. Dann setzt sie sich auf ein Holzbrett und taucht per Seilwinde einen dunklen, nur einen Meter Durchmesser breiten Schlund hinunter, rund 15 Meter unter die Erde. Etwa 20 Claims hat sie in den vergangenen 20 Jahren abgesteckt und wieder aufgegeben. Zweimal im Jahr stellt sie ihre Opale in Deutschland aus. "Mein wunderbares Leben kann sich dort niemand richtig vorstellen", sagt sie. Daran denke ich, als ich wieder in der Propellermaschine Richtung Adelaide sitze und erneut auf die endlose flache Wüste unter mir gucke. Die Erde erscheint auf den ersten Blick immer noch wie spröde Haut, trocken und rissig. Doch für mich ist sie jetzt nur die Oberfläche einer faszinierenden Welt, die sich darunter verbirgt.
Kerstin Friemel
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