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In Lissabon würde man das Leben genießen, in Porto dagegen hart arbeiten - das ist eine der typischen Beschreibungen von Portugals zweitgrößter Metropole im Norden des Landes. Dabei hat Porto mit seiner atemberaubenden Lage am Hang oberhalb des Douro und seinen pittoresken Altstadtvierteln einen ganz eigenen Charme. Heute leben 1,2 Millionen Menschen im städtischen Großraum Porto, allerdings immer weniger im historischen Zentrum.
Rui Rio zeigte sich von Anfang an unwillig. Direkt nach der Wahl des Sozialdemokraten zum Bürgermeister Portos Ende 2001 ging er auf Konfrontationskurs mit Pinto da Costa, dem charismatischen Präsidenten des Fußballvereins FC Porto. "Nur eine Notenpresse kann das Projekt finanzieren", so Rui Rio von der - konservativ orientierten - sozialdemokratischen Partei PSD. Stein des Anstoßes war der Bau des "Estádio de Dragão", des neuen FC-Porto-Stadions, und der dazugehörigen Geschäfts- und Wohnhäuser. Wegen des Defizits des Stadthaushalts weigerte sich Rui Rio, das Projekt finanziell zu unterstützen. Ein weiterer Grund für Rios ablehnende Haltung war seine städtebauliche Überzeugung: Anstatt Porto weiter zu verdichten, plädierte er für einen Stopp von Großbauten. Allerdings wusste Rui Rio, dass er angesichts der im Juni beginnenden Fußball-Europameisterschaft den Stadionneubau irgendwie bewerkstelligen musste. In einer solch fußballbegeisterten Stadt wie Porto wäre es einem politischen Selbstmord gleichgekommen, wenn Rio nicht von seinem Standpunkt abgerückt wäre. "Am Ende wurden die ursprünglichen Pläne von Rios Vorgänger weitgehend übernommen", sagt Rafael Barbosa, verantwortlicher Redakteur für den Großraum Porto bei der Tageszeitung "Jornal des Notícias". Die Stadt Porto bezuschusste zwar den Stadionbau nicht direkt, garantierte dem FC Porto dafür aber großzügige Nutzungsrechte auf dem "Antas" genannten Gebiet rund um das Stadion.
Porto vor dem Anpfiff
"Die Streitigkeiten im Vorfeld des Baubeginns sind typisch für Porto", meint Rafael Barbosa. "Bei uns gibt es immer viel Polemik, doch letztlich schaffen wir es, die Dinge fertig zu stellen." Ein weiteres Beispiel für diese, manchmal zeitaufwändige, Vorgehensweise ist die "Casa da Musíca" im Ortsteil Boavista. Der große Konzert- und Veranstaltungsort, ein wuchtiger von Rem Koolhaas entworfener Klotz, sollte eigentlich bereits 2001 eröffnet werden - dem Jahr, in dem Porto zur "Kulturhauptstadt Europas" erkoren worden war. Mittlerweile steht immerhin der Rohbau, mit den Innenausbauten wurde begonnen, und wenn alles gut geht, wird die "Casa da Musíca" im September eröffnet werden. Auch an der neuen Metro wird in Porto schon seit 1998 gebaut. Eingeweiht werden sollte das ambitionierte Kernstück des Öffentlichen Nahverkehrs ebenfalls 2001. Bis heute ist jedoch noch nicht einmal die erste Bauphase mit einer Streckenlänge von 70 Kilometern beendet. Ein wichtiges Teilstück der blauen Linie zwischen Trinidade im Zentrum und dem Hafenviertel Matozinhos ist immerhin seit vergangenem Jahr in Betrieb, und innerhalb eines Jahres wurden schon sechs Millionen Fahrgäste auf der Strecke befördert. Porto steht jetzt in der Pflicht, die Linie bis zum "Estádio de Dragão" zu verlängern, wenn dort am 12. Juni die EM angepfiffen wird. Im kommenden Jahr soll dann die Verbindung nach Vila Nova de Gaia auf der anderen Seite des Douro stehen. Trotz aller Verzögerungen - Rafael Barbosa vom "Jornal des Notícias" hält den Metro-Bau für das wichtigste städtebauliche Projekt Portos: "In der letzten Dekade ist der Anteil der individuellen Pkw-Nutzung am gesamten Verkehrsaufkommen Portos von einem Drittel auf 60 Prozent gestiegen, und der Anteil des Öffentlichen Nahverkehrs hat sich entsprechend verringert." Wer Porto zu Fuß erkundet, kann sich selbst davon ein Bild machen, wie viele Autos sich durch die schmalen Einbahnstraßen im Zentrum schlängeln. "Besonders große Probleme mit dem öffentlichen Transport gibt es aber zwischen den Porto benachbarten Städten, zum Beispiel zwischen Vila Nova de Gaia und Gondomar", sagt Rafael Barbosa. Die Bedeutung dieser zum Großraum Porto zählenden Städte wächst seit Jahren. Denn während in Porto selbst immer weniger Menschen wohnen - in den letzten zehn Jahren verringerte sich die Einwohnerzahl von rund 300000 auf 165000 - hat die Zahl der Bewohner in den acht anderen zum Großraum Porto gehörenden Städten zugenommen. Nach dem letzten Zensus im Jahre 2001 lebten 1,2 Millionen Menschen im Großraum Porto, die Tendenz ist steigend. Vila Nova de Gaia zum Beispiel liegt direkt gegenüber auf der anderen Flussseite und ist mit Porto durch die hoch über den Douro schwebende, von einem Eiffel-Schüler 1886 errichtete doppelstöckige Gitterbrücke Ponte Dom Luis I. verbunden. Früher war Gaia allenfalls für die am Flussufer gelegenen Portwein-Lagerhäuser und -Frachtschiffe bekannt - mittlerweile wohnen hier mit 290000 Einwohnern fast doppelt so viele Menschen wie im Kernbereich Portos. Die Stadtflucht aus den Innenstadtbezirken Portos hat vor allem zwei Ursachen, zum einen den schlechten baulichen Zustand vieler Häuser in den Altbauvierteln. Nach einer von der Stadtverwaltung in Auftrag gegebenen Studie sind zum Beispiel 90 Prozent der Häuser in Baixa, dem Zentrumsviertel, renovierungsbedürftig. Der andere Grund sind die gestiegenen Immobilienpreise in der Innenstadt von Porto. Viele Häuser stehen ganz leer, andere wurden in Büros umgenutzt oder beherbergen nur noch Ladengeschäfte im Erdgeschoss. Am Tage zeigt sich das Zentrum von Porto aber von seiner belebten Seite und Menschen drängeln sich auf den schmalen Bürgersteigen durch die Straßen und Gassen, die gesäumt werden von sehenswerten, zumeist zwei- bis dreigeschossigen Wohnhäusern aus der Gründerzeit, manche mit barocken oder neoklassizistischen Einflüssen, einige mit Jugendstilfassaden. Von hier geht es den Berg hinab zur Ribeira, dem Altbauviertel am alten Flusshafen, das heute wegen der vielen Kneipen und Restaurants auch gerne von Touristen besucht wird. Der pittoreske Bezirk, in dem rund 3000 Menschen wohnen, war einmal das städtische Zentrum, bevor dieses sich nach oben in die Baixa verlagerte. 1982 begann die objektbezogene Sanierung der Ribeira, 1996 wurde das Viertel schließlich als Weltkulturerbe anerkannt. Die Sanierung folgte dem Grundsatz, dass die Altbewohner in die renovierten Häuser zurückziehen sollten. Darum sind die Mieten bis heute niedrig und nach Einkommen gestaffelt.
Gewaltige Spannbreite bei Immobilienpreisen
Insgesamt ist die Spannbreite bei den Miet- und Immobilienpreisen in Porto inzwischen aber gewaltig: Während mehr als die Hälfte der Mieter in städtischen Sozialwohnungen weniger als 25 Euro monatlich bezahlt, sind die Immobilienpreise in den exklusiven Wohnlagen in die Höhe geschnellt: Liegt der durchschnittliche Quadratmeterkaufpreis in Porto bei 1870 Euro, so muss man im noblen Viertel Boavista 3000 Euro auf den Tisch legen. Dagegen liegen die Durchschnittspreise in der benachbarten Stadt Gondomar bei 838 Euro pro Quadratmeter, in Vila Nova de Gaia bei 738 Euro. Doch auf Grund der wirtschaftlichen Flaute in Portugal steckt mittlerweile auch das Immobiliengeschäft in den Vororten und Nachbarstädten Portos in der Krise. Gerade dort sind in den letzten Jahren neue Appartementwohnhäuser hochgezogen worden, die jetzt nicht verkauft werden können. "Es sind Häuser, die für die untere Mittelklasse gebaut wurden", so Manuel Negrão, Vorsitzender des portugiesischen Immobilienmaklerverbandes AMIP, "und diese Schicht ist am stärksten von der derzeitigen Krise betroffen."
Auch Porto setzt auf Privatisierung
In der Krise steckt auch die "Vereinigung der Mieter Nordportugals". Es ist eine traditionsreiche Institution, die es mittlerweile seit 54 Jahren gibt. Als ein politisches Schwergewicht kann man den Mieterschutzbund aber kaum mehr bezeichnen. "In den 80er Jahren hatten wir noch 45000 Mitglieder. Heute sind es nur noch 11000", räumt selbst Manuel Vieira ein, der Präsident der Vereinigung. Der Grund für den Mitgliederschwund: "Junge Menschen ziehen es mittlerweile vor, eine Wohnung oder ein Haus zu kaufen", so Vieira. Trotz dieser Entwicklung gibt es in Porto immer noch eine große Zahl von Mietern: diejenigen, die in einer der vielen städtischen Sozialsiedlungen leben. Die meisten wurden ab den 50er Jahren in der Zeit des Diktators Salazar errichtet. Heute gibt es mehr als 40 dieser Siedlungen in Porto, in denen rund 50000 Menschen leben. "Damit ist die Stadt der größte Wohnungseigentümer Portos", sagt Rafael Barbosa vom "Jornal des Notícias". Viele dieser Sozialsiedlungen haben eine hohe Kriminalitätsrate, der Drogenhandel blüht. Nach seinem Amtsantritt hat Bürgermeister Rui Rio versucht, das Image und die Lebensbedingungen der Siedlungen zu verbessern. Die Lehrerin Carolina Vaz Saleiro, die normalerweise die neue Linkspartei "Bloco de Esquerda" wählt, schätzt an dem Sozialdemokraten, dass er versuche, die dringlichen Probleme in der Stadt anzugehen: "Es gibt viel Armut in Porto, die man nicht immer auf den ersten Blick erkennen kann. Auch Rui Rio, der aus einer guten Familie kommt, war überrascht, das zu sehen." Sicher ist: Angesichts leerer Kassen sind die Sozialsiedlungen zu einer finanziellen Bürde für Porto geworden. Die Stadtverwaltung hat ausgerechnet, dass mehr als 100 Millionen Euro in ihre Instandsetzung investiert werden müssten - das ist mehr Geld, als die Stadt in den kommenden 20 Jahren durch die Mietzahlungen einnehmen würde. Darum soll nun ein Teil der Wohnungen an die Mieter verkauft werden, im Gespräch sind derzeit sieben Siedlungen mit rund 1250 Wohnungen. Während sich die Sozialisten über die Pläne empören, hat Rui Rio in der Kommunistischen Partei einen Bündnispartner gefunden. Die in Porto immer noch einflussreichen Kommunisten überzeugte nicht nur der niedrige Verkaufspreis der Wohnungen (ab 8000 Euro), sondern auch, dass die Erlöse umgehend in die Instandsetzung der Wohnungen investiert werden sollen.
Ole Schulz
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