MieterMagazin

 Mai 2004 - Titel

Junge Familien entdecken die Innenstadt als Wohnort

Ab in die Mitte

Kinder und Großstadt: Unvereinbar? In Berlin lässt sich ein neuer Trend beobachten. Nicht nur der Bezirk Prenzlauer Berg hat seinen kleinen Baby-Boom, auch Friedrichshain zieht mit dem Kindersegen nach, selbst in Mitte steigen die Geburtenzahlen. Auf Spielplätzen findet sich kaum mehr ein freies Eckchen, leer stehende Läden füllen sich mit Kindergeschäften. Die jungen Eltern beeinflussen ihr Wohnumfeld und versuchen, es nach ihren Wünschen zu gestalten. Sie wollen mit ihren kleinen Kindern das Leben in der Stadt genießen. Noch beschränkt sich das Phänomen aber auf bestimmte Bezirke.

"Das eigene Häuschen im Grünen ist bestimmt nicht mein Traum. Ich kann mir nicht vorstellen, in einem dieser Wohnparks im Speckgürtel zu leben, mit einem handtuchgroßen Garten." Felix Harling wohnt seit elf Jahren in Berlin, und er lebt gern in der Innenstadt. Das hat sich auch nicht geändert, seit er Familie hat. Sechs Jahre wohnt der gebürtige Schweizer jetzt in Friedrichshain. Vor drei Jahren, als seine erste Tochter zur Welt kam, war es für ihn und seine Frau Simone an der Zeit, in eine sanierte Wohnung zu ziehen, und schon bald kündigte sich das zweite Töchterchen, jetzt eineinhalb, an. Der Kundenbetreuer für Software und die Lehrerin haben sich eingerichtet im Viertel zwischen Boxhagener Platz und Frankfurter Allee. Die ältere Tochter geht in einen der noch rar gesäten Kinderläden, eingekauft wird im Bioladen gleich um die Ecke. Harling arbeitet in der Oberbaumcity, die schnell mit dem Fahrrad zu erreichen ist. Es ist ihm wichtig, nicht auf ein Auto angewiesen zu sein.

Wenn er auch keinen Schrebergarten oder Ähnliches sein Eigen nennen möchte, im Sommer würde sich Harling schon gern mit Frau und Kindern irgendwo ins Gras legen. Die Familie fühlt sich wohl im Kiez und möchte auf die vielfältigen Angebote der Stadt nicht verzichten. Es stört sie aber gewaltig, dass Grünflächen oft nicht genutzt werden können.

Austausch unter Gleichgesinnten

Damit sich das ändert, ist Harling aktiv geworden und hat eine Bürgerinitiative ins Leben gerufen. "Trave für alle!" lautet die Parole, Hunde sind jedoch nicht gemeint Der Traveplatz, zwischen Frankfurter Allee und Ostkreuz gelegen, ist eine ausgewiesene Grünanlage. Grün ist aber auch im Sommer nicht mehr zu sehen, die freie Fläche besteht aus Hundekot, Buddellöchern und Glasscherben. Gemeinsam mit anderen Eltern, die regelmäßig mit ihren Kindern hierher kommen und sich nicht mehr mit dem kleinen Spielplatz am Rand zufrieden geben wollen, möchte Harling den gesamten Platz für die Familien zurückerobern. Die zahlreichen Eltern mit ähnlichen Vorstellungen - auch das gefällt Harling am Kiezleben: "Es entwickelt sich gerade in der letzten Zeit ein Austausch unter Gleichgesinnten."

Für viele junge Eltern in Berlin scheint das Häuschen im Grünen nicht mehr so attraktiv wie vor ein paar Jahren zu sein. Für sie ist vorerst klar: Wir bleiben! Auch Zahlen zeigen, dass die große Abwanderung ins grüne Umland stagniert. In den 90er Jahren waren jährlich noch circa 30000 mehr Berliner ins Umland gezogen, als Brandenburger nach Berlin. Seit 2000 ist eine geringere Abwanderung zu beobachten. So büßte Berlin im ersten Halbjahr 2003 mit 3200 Personen weniger Einwohner ein als im Vorjahr mit 4100. Ein Grund dafür ist sicher, dass der Prozess der Suburbanisierung langsam abgeschlossen ist, insbesondere Berlins Nachholbedarf nach 1990. Inzwischen lässt sich sogar ein "Phänomen der Rückwanderung" beobachten: Immer mehr Berliner, die ins Umland übergesiedelt waren, ziehen wegen der langen Wege und des fehlenden kulturellen Umfelds in die Stadt zurück (siehe auch MieterMagazin 1+2/04, Seite 20: "Kehren die Stadtflüchtlinge zurück?").

Statistiken bestätigen die Tendenz insofern, als in bestimmten Stadtteilen Berlins die Geburtenraten merklich angestiegen sind. Für eine neue Generation von Berlinern um die 30 scheint es wieder Teil der Lebensplanung zu sein, ein Kind in die Welt zu setzen. Der kleine Kindersegen wird den Geburtenrückgang in Deutschland und die bekannten demographischen Folgen sicher nicht aufhalten. Aber der stetige Anstieg der Geburten im Stadtteil Prenzlauer Berg - im Jahr 2003 mehr als 31 Prozent im Vergleich zu 1998 - lässt Stadtforscher aufhorchen.

Auch Sabine Schmitt hat mit ihrem Sohn, jetzt zweieinhalb, zu diesem Zuwachs beigetragen. Als sie schwanger war, hatten sie und ihr Mann noch überlegt, an den Stadtrand zu ziehen: "Wir haben uns auch was angeguckt, waren uns aber einig, da können wir hinziehen, wenn wir mal Rentner sind." Das Paar hat seinen Freundeskreis in Prenzlauer Berg und wollte sich nicht freiwillig ins Abseits manövrieren, um kaum noch am Leben teilhaben zu können. 20 Minuten braucht ihr Mann Björn mit dem Fahrrad zur Arbeit, die S-Bahn ist gleich um die Ecke und die schöne Altbauwohnung mit der netten Hausgemeinschaft hat sogar einen grünen Hinterhof. Sohn Ole profitiert auch vom breiten Angebot der Stadt. Ob Kleinkind-Sport, musikalische Früherziehung oder Puppentheater - es gibt viel zu unternehmen. Kontakt zu anderen Eltern ist leicht zu knüpfen: "Auf dem Spielplatz drehen sich die Gespräche nicht nur um die Kinder, viele haben interessante Berufe, die für sie auch wichtig sind", erzählt die Journalistin.

Natürlich stört sie der Hundekot und der starke Verkehr. Sie kann ihren Sohn nicht einfach mit dem neuen Laufrad davonfahren lassen. "Ich schmeiße aber deswegen nicht einfach mein Lebenskonzept um und ziehe an den Stadtrand, wo ich eingehe wie eine Primel." Das Phänomen scheint sich auf andere Stadtteile auszuweiten. Auch im Nachbarbezirk Friedrichshain treibt diese Entwicklung zarte Blüten.

Zielgruppe Elternszene

Der Boxhagener Kiez, bekannt durch die Simon-Dach-Straße mit ihren Kneipen und den Studenten, die hier einst der billigen Mieten wegen herzogen, verändert sein Gesicht ebenfalls allmählich. Auch hier ist der Anteil der Kinder unter drei Jahren zwischen 1998 und Dezember 2003 von 2058 auf 2673 um fast 30 Prozent angestiegen. Die Bevölkerung ist im Durchschnitt finanziell nicht so gut gestellt wie viele Bewohner in Prenzlauer Berg, aber es entsteht auch hier ein ganz neues Milieu: die Elternszene. Und diese wird im Quartier zunehmend sichtbar. Die leer stehenden Ladenlokale füllen sich mit Geschäften, die genau diese Zielgruppe bedienen. Das Angebot reicht von gebrauchten Kinderwagen über pädagogisch wertvolles Holzspielzeug bis hin zu bunten Kleidchen aus recycelten Stoffen für das modebewusste Kiez-Kind. Im "Alten Textilkaufhaus" in der Boxhagener Straße, in dem sich gerade mit Hilfe des Projekts Boxion sieben junge Designkünstler einrichten, haben sich zwei der Geschäfte auf Kinderkleidung spezialisiert. Cafés geben den Eltern durch eigens eingerichtete Kinderspielecken das Gefühl, mit ihrem schreienden Nachwuchs willkommen zu sein. Noch ist es kein Problem, hier einen Platz in einer der zahlreichen staatlichen Kindertagesstätten zu finden. Doch Eltern, die sich eine alternative Betreuung für ihr Kind wünschen, müssen Geduld haben: Die Wartelisten der wenigen Kinderläden sind lang. Während in Prenzlauer Berg die Elterninitiativ-Kitas aus dem Boden schießen, kommt diese Entwicklung in Friedrichshain nur sehr verzögert.

Die Infrastruktur muss stimmen

Neben den grünen Ost-Randbezirken Köpenick, Weißensee und Pankow, die in den letzten Jahren ebenfalls stetigen Kinderzuwachs bekommen haben, ist sogar in Mitte seit 1998 ein Anstieg der Geburten um 18,2 Prozent zu verzeichnen. Um aus dem kleinen Trend eine breitere Strömung werden zu lassen und das Leben in der Stadt für viele Familien attraktiv zu machen, muss sich noch einiges tun. Eltern sehen die Stadt nur unter bestimmten Bedingungen als für sich und ihre Kinder geeignet an. Die Bedürfnisse nach einer ausreichend großen Wohnung mit einer bezahlbaren Miete müssen befriedigt werden. Die Infrastruktur muss stimmen, genügend Kindertagesstätten, Horte und weitere, auf Familien zugeschnittene Angebote sind Anreize, in der Stadt zu bleiben. Das Wohnumfeld spielt eine gleichermaßen große Rolle. Spielstraßen, grüne Höfe und nicht zuletzt benutzbare Grünflächen könnten hier die Attraktivität von Quartieren fördern.

Vor allem die soziale Struktur eines Stadtteils ist wichtig. Doch wie sieht es in den Quartieren mit hohem Ausländeranteil damit aus? Hier spielt die Suche nach der geeigneten Schule immer wieder eine Rolle. Eine hohe Anzahl von Kindern mit geringen deutschen Sprachkenntnissen führt bekanntlich zum Wegzug vieler Familien.

Susanne Hiller wohnt mit ihrer neunjährigen Tochter und dem vierjährigen Sohn in Kreuzberg am Mariannenplatz. Die Übersetzerin wohnt gern in der großen, in den 80er Jahren sanierten Altbauwohnung. An Kreuzberg schätzt sie besonders die zentrale Lage mit den kurzen Wegen zu den kulturellen Angeboten der angrenzenden Stadtteile: "Seit die Kinder größer sind, bin ich nicht mehr so eng an den Kiez gebunden." Früher habe sie schon gehadert mit Kreuzberg und überlegt, raus ins Grüne zu ziehen, wie viele Bekannte. Denn man finde im Kiez nicht automatisch Gleichgesinnte. In der Nachbarschaft habe sie wenige Kontakte, auch wegen der sprachlichen Probleme: "Da ist schon ein großer Organisationsaufwand notwendig, um so zu leben, wie ich leben möchte. Man muss Nischen suchen für sich und seine Kinder."

Kreuzberg ist kein Kuschelkiez

Bevor Susanne Hiller nach Kreuzberg zog, hatte sie sechs Jahre in Friedrichshain gewohnt und das Leben in den benachbarten Stadtteilen empfindet sie als sehr unterschiedlich: "Friedrichshain ist ein richtiger Kuschel-Kiez, in Kreuzberg ist alles größer und nicht so verdichtet, auch wegen der verschiedenen Welten, in denen die Bewohner leben." Aber gerade das nimmt sie als Gewinn wahr. Ihre Kinder erleben jeden Tag, dass es soziale und kulturelle Unterschiede gibt, auch in Schule und Kita. Die Statistik zeigt aber, dass ihre Einstellung nicht alle Eltern teilen: Im Gegensatz zu vielen Ost-Bezirken ist in Kreuzberg seit 1998 ein Rückgang der Kleinkinder um 13,4 Prozent zu verzeichnen. In absoluten Geburtszahlen liegen die Westbezirke zwar noch vor denen im Osten, gerade im Vergleich zu den Stadtteilen mit einem hohen Anteil nichtdeutscher Familien, die mehr Kinder haben.

Aber es werden trotzdem jedes Jahr weniger Kinder geboren. Auch mit Blick auf die anderen westlichen Bezirke der Stadt lässt sich noch kein Baby-Boom für ganz Berlin ausrufen. Ob Charlottenburg, Tempelhof oder Wilmersdorf: Man findet in der Sparte der unter dreijährigen Einwohner nur rückläufige Zahlen. Das hängt offensichtlich mit dem durchschnittlichen Alter der Bevölkerung zusammen. Während in Prenzlauer Berg und Friedrichshain der Anteil der Frauen im Alter zwischen 20 und 35 Jahren weit über 35 Prozent liegt, bewegen sich die Zahlen dieser Altersgruppe in einigen Westbezirken weit unter 20 Prozent. Aber dafür bekommen diese Bezirke Familienzuwachs anderer Art: "Die Familien, die aus Westdeutschland herziehen, ziehen zumeist in die alten Westbezirke, gerade wenn sie Kinder im schulpflichtigen Alter haben", sagt Stadtsoziologe Hartmut Häußermann. Das liege auch an den Schulen der Ostbezirke, die pädagogisch oft noch nicht auf dem neuesten Stand seien. So bleibt noch abzuwarten, ob manche der jungen Familien in Prenzlauer Berg oder Friedrichshain wirklich wohnen bleiben, wenn ihre Kinder in ein paar Jahren in die Schule kommen.

Die meisten Mütter und Väter sind jedoch zufrieden mit den staatlichen Kindertagesstätten und werden auch in die Schulen Vertrauen haben. "Ich glaube, Kontinuität ist für ein Kind wichtig. Mein Sohn soll mal mit seinen Kumpels aus der Kita in die Schule gehen", sagt Sabine Schmitt aus Prenzlauer Berg. Ihr Umzug ins Umland ist bis ins Rentenalter verschoben.

Catrin Watermann

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Den Traveplatz für Familien zurückerobern: die Harlings und ihr Friedrichshainer Umfeld
alle Fotos: Kerstin Zillmer

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Nur nicht freiwillig ins Abseits: Sabine Schmitt und Sohn Ole in ihrem Kiez in Prenzlauer Berg

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Die verschiedenen Welten der Bewohner sind ein Gewinn: Susanne Hiller mit Sohn und Tochter in ihrem Kreuzberger Umfeld

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Wie ernst nimmt Berlin seine Jüngsten?

Über Jahre lag das Grundstück brach: eine Bombenlücke in der Marienburger Straße 42 in Prenzlauer Berg. Platz genug für ein neues Polizei- und Feuerwehrgebäude - so der Plan. Doch dann ging dem Senat das Geld aus. Das Unkraut wucherte weiter auf der hässlichen Lücke - bis die Anwohner die Sache in die eigenen Hände nahmen. Kostenlos und sichtlich erleichtert gab das Grünflächen- und Umweltamt die 5000 Quadratmeter an die Initiative ab. Heute sprießen dort zwischen Altbauten Tomaten in Kiezgärten, strolchen kleine Piraten über den Abenteuerspielplatz und treffen sich Groß und Klein zu stundenlangen Tischtennispartien - eine Oase in eng bebauter Innenstadtumgebung.

Lange waren Berlins Kinder für die Politik eher ein Randthema. Kinder- und Jugendarbeit wurde (und wird) verstärkt freien Trägern übertragen, Geld ist kaum vorhanden. Ergebnis: Besser verdienende Familien sind in der Vergangenheit rausgezogen aus der Innenstadt, wo das Auto das Sagen hat, Spielplätze dünn gesät und das soziale Umfeld mitunter schwierig ist. Zurück blieben Singles, Alleinerziehende und arme Familien. Ein Teufelskreislauf, der in mühsamster Kleinstarbeit langsam durchbrochen zu werden scheint.

Ob Kinderbauernhof, Spatzenkino oder Zirkuskünstler, in Berlin ist im Grunde alles zu haben. Doch ist das Engagement für Kinder und ihre Einbeziehung ins Wohnumfeld von Bezirk zu Bezirk sehr unterschiedlich. Es gibt nicht die kinderfeindliche Innenstadt und die kinderfreundlichen Randbezirke. In etlichen Bezirken erforschen kleine Kiezdetektive ihre Umgebung und machen Vorschläge für deren Gestaltung. Kinder- und Jugendbüros sind in Mitte, Neukölln, Steglitz-Zehlendorf und Marzahn entstanden. Sie arbeiten eng mit Politik und Verwaltung zusammen.

Großes Manko in Berlin ist jedoch noch immer die Platzfrage, und zwar nicht nur auf Spielplätzen, sondern im gesamten öffentlichen Raum. "Bürgersteige, Straßen und Hauseingänge müssen den Bedürfnissen von Kindern angepasst werden und nicht umgekehrt", sagt Rebekka Bendig. So baten zum Beispiel 60 Kinder bei der Planung des Spielplatzes Kolberger Straße im Wedding um eine Beleuchtung, damit sie auch an langen Winternachmittagen dort spielen können, ohne sich fürchten zu müssen - eine Idee, auf die Erwachsene möglicherweise nicht gekommen wären. Doch insgesamt fehlt die Selbstverständlichkeit, Kinder in die Stadtplanung mit einzubeziehen. So ist Berlin noch weit entfernt von einer Maßnahme, die in Bremen schon Alltag ist - die kindergerechte Hof- und Hausgestaltung durch die Wohnungsbaugesellschaften. Dabei ist das Wohngebiet der Raum, in dem sich die Kinder am meisten aufhalten.

"Eine langfristige Stadtentwicklung kann nur dann erfolgreich verlaufen, wenn sie ihre nachwachsende Generation als wichtigste Ressource der Stadt wertschätzt und einbezieht. Und eine kindergerechte Stadt bietet schließlich auch mehr Lebensqualität für alle", so Rebekka Bendig.

Antje Krüger

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"Wohnen im Umland
ist ein Hausfrauenmodell"

Prof. Dr. Hartmut Häußermann, Stadtsoziologe an der Humboldt-Universität, über den Trend, dass junge Paare mit Kindern in den Innenstadtbezirken bleiben.

MieterMagazin: Ist der Umlandwanderungsboom der 90er Jahre gebrochen, bietet der Innenstadt-Kiez mehr Lebensqualität für Familien?

Häußermann: In einigen Städten gibt es wieder Bevölkerungszuwachs und geringere Abwanderung, das ist seit circa 2000 zu beobachten. Es gibt Gründe, warum diese Abwanderung abnimmt. Die Einkommen steigen nicht mehr so wie früher, viele haben befristete Arbeitsverträge und können nicht mehr so langfristig planen, so dass die Eigentumsbildung schwieriger geworden ist. Und immer mehr junge Familien bekommen Kinder, wobei beide Elternteile beruflich qualifiziert sind und beide auch erwerbstätig sein wollen. Für die ist das Wohnen im Umland nicht praktisch, das ist eigentlich ein Hausfrauenmodell. Da muss jemand da sein, der den Haushalt organisiert, der die Kinder transportiert. Es ist nicht alles so kompakt und gut erreichbar wie in der Stadt.

MieterMagazin: Kann man diesen Trend an bestimmten Bevölkerungsgruppen festmachen?

Häußermann: Junge Paare wollen den Standort in der Innenstadt beibehalten, weil sie dort studiert haben und sich hier auskennen. Beide haben einen innerstädtischen Arbeitsort, sind vielleicht noch in einem Kinderladen engagiert: Das ist die gebildete Mittelschicht. Solche Leute kümmern sich auch mehr um das Quartier und haben einen Anspruch, dadurch verändert sich auch viel. Und wenn in einem Quartier erst einmal Kinder sind, ist auch für andere mit Kinderwunsch der Anreiz größer, sich diesen zu erfüllen. Es bildet sich dann ein Netzwerk von Familien. Wenn es solche Netze gibt, dann ist man auch sehr stark sozial gebunden.

MieterMagazin: Wie schätzen Sie die Auswirkungen dieser Entwicklung auf die soziale Mischung in den Quartieren ein?

Häußermann: Die sozial aktiven, um ihre Umwelt besorgten Schichten werden einfach mehr in solchen Quartieren, weil sie das kleinbürgerliche Dasein im Einfamilienhaus nicht wollen. Das schätze ich positiv ein. Je heterogener aber die ethnische Zusammensetzung ist, desto stärker wird die Sehnsucht nach Homogenität. Diejenigen, die sagen, da ist es ganz bunt und vielfältig, das sind in der Regel Studenten. Alle anderen, die sich dauerhaft einrichten, die schauen auch auf die Nachbarschaft. Und je mehr Wahlmöglichkeiten es gibt auf dem Wohnungsmarkt - die man heute angesichts der Leerstände hat -, desto mehr werden sich die Quartiere sortieren.

Interview: Catrin Watermann

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Prof. Dr. Hartmut Häußermann
Foto: Kerstin Zillmer

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