MieterMagazin

 Mai 2002 - Ausland

USA

Kampfansage an die Slumlords

Vielleicht tun sie dem Mann ja doch Unrecht. Vielleicht hat ihn am Ende wirklich ein Anflug von schlechtem Gewissen geplagt, und er wollte alles besser machen. Wollte ein guter Vermieter sein, bei dem das Wasser aus dem Hahn kommt, nicht von der Decke, und bei dem man nicht fürchten muss, sich an herumbaumelnden Kabeln einen Stromschlag zu holen. Draußen jedenfalls hängt vor dem Haus Nummer 1417 in der Newton Street dieses Schild, das Besserung verspricht. Drinnen hängen die Flügel der verbeulten Briefkästen wie immer schief. Wahrscheinlich also war es sowieso nichts mit der Reue. Wahrscheinlich geschieht es ihm gerade recht.

Im Vorgarten liegt Müll, auf dem Flur blättert die Farbe in dicken Streifen von der Decke. Im Holz nistet amtlich beglaubigtes Ungeziefer, im Keller tropft das Abwasser aus lecken Rohren, an denen eine klebrige braune Masse hängt. "Unsere Rattentränke", sagt die Dame aus der ersten Etage und zuckt mit den Schultern. Repariert wurde seit Jahren nichts. Hinten hat irgendjemand zwischen den Heizungskesseln in die Ecke geschissen. Daneben liegt eine zerfetzte Zeitung mit frischen Schmierspuren der erlösenden Tat. Die Haustür lässt sich nicht abschließen, was will man da machen.

Das schmucklose Apartmenthaus trägt den schönen Namen "Fairfax". Knapp 60 Familien wohnen hier in Columbia Heights, einem jener Viertel der US-amerikanischen Hauptstadt, mit denen es nach Jahren des Niedergangs zuletzt wieder aufwärts ging. In den Nachbarstraßen wurde unverkennbar investiert; zwischen vernagelten Eingängen leuchten wieder goldfarben glänzende Türgriffe. Vor zwei Jahren hat ein paar Blöcke weiter eine U-Bahn-Station aufgemacht. Jetzt zählt die Gegend zu den besseren unter den schlechten. Keine drei Meilen vom Weißen Haus entfernt liegt die Newton Street mitten im anderen Washington, nicht dem der großen Politik, sondern dem der kleinen Leute. Die haben oft eine schwarze Haut. Oder sie sprechen Spanisch.

Jetzt ist Schluss mit lustig

Auch im "Fairfax" wohnen überwiegend Afroamerikaner und Hispanics, zwischen zerbröselnden Wänden und lecken Leitungen. Im Eingang hängt eine vergilbte Mahnung, auf welcher der Hausmeister eindringlich fordert, keine Kondome mehr in die Toiletten zu werfen: "Das kann nicht so weitergehen!" Ständig seien die Rohre verstopft; immer wieder gebe es Überschwemmungen. "Als wenn das daran läge", sagt die Frau vom Parterre.

Draußen, an der roten Backsteinfassade, hängt jene Tafel, die vielleicht noch alles hätte abwenden können: "Bitte entschuldigen Sie unseren Anblick während der Renovierung. Sie wird im Juni 2001 beendet sein", steht da. Ob der Besitzer jemals vorhatte, die Missstände abzustellen, wird man nie erfahren. Bis heute aber haben die Arbeiten nicht begonnen.

Deshalb ist jetzt Schluss mit lustig: Der Steueranwalt und Abbruchvermieter Randy McRae, der vor den Toren der Stadt eine schicke Villa mit Bootssteg sein Eigen nennt, darf im District of Columbia keine Häuser mehr besitzen. Nicht für den Eigenbedarf. Und schon gar nicht zum Vermieten. Die Hauptstadt der Vereinigten Staaten hat ihn rausgeschmissen. Verbannt aus den Grundbüchern, auf immer und ewig. Das ist einmalig in den USA.

Einfach ziehen lassen haben sie den notorischen "Slumlord" freilich nicht. Denn die Vereinigten Staaten sind nicht nur das Land der grenzenlosen Freiheiten, sondern auch das Reich der süßen Rache. Deshalb trägt Randy McRae jetzt erst einmal am rechten Bein eine elektronische Fußfessel. Sechs Monate lang muss er selbst in einem seiner heruntergekommenen Etablissements "zwangswohnen", bis er, gleichsam geteert und gefedert, die Stadt endlich verlassen darf. Die Fußfessel soll sicherstellen, dass McRae sich tatsächlich von acht Uhr abends bis sechs Uhr früh im eigenen Wohnloch aufhält, sieben Tage die Woche. Bis August muss er die notwendigen Reparaturen veranlassen, später alle Häuser verkaufen. Ein Teil des Geldes wird als Entschädigung "für die erlittenen Jahre des minderwertigen Wohnens" an eine Mietervereinigung fließen, die sich bereits die Eigentumsrechte an ihren Quartieren erstritten hat.

Gerechte Strafe muss sein

Was wie ein verfrühter Aprilscherz klingt, ist der Stadtverwaltung bitter ernst. Vor zwei Jahren hatte Washingtons energischer Bürgermeister Anthony Williams den "Slumlords" den Kampf angesagt. 32 besonders verwahrloste Mietshäuser wurden auf eine schwarze Liste gesetzt. Der Bürgermeister schickte Inspektoren, die Hunderte gravierender Mängel fanden, von kürbisgroßen Löchern im Fußboden über nicht funktionierende Heizungen bis zu einsturzgefährdeten Treppen. Einige Gebäude wurden umgehend dichtgemacht.

Sofort freilich stand die Stadtverwaltung vor einem Dilemma. Statt die Eigentümer zu bestrafen, trafen die Maßnahmen vor allem die Mieter. Denen hatte man kurzerhand mitgeteilt, sie sollten sich neue Quartiere suchen. Sonst drohe die Zwangsräumung. Erschwinglicher Wohnraum aber ist auf Washingtons überhitztem Immobilienmarkt für Menschen, deren Einkommen unweit der Armutsgrenze liegt, kaum zu haben.

"Die Leute waren empört", sagt Linda Leaks vom Mieterverein WISH, "die haben das nicht als Hilfe betrachtet, sondern als Versuch, arme Leute zu vertreiben, um Platz für die Reichen zu machen." Mitunter hätten die "Slumlords" die Inspektoren selbst gerufen, um alteingesessene Bewohner loszuwerden, weil sie deren Mieten auf Grund gesetzlicher Preisbindungen nicht wie gewünscht hochtreiben konnten. "Die haben sich ins Fäustchen gelacht", sagt Linda Leaks, "und diejenigen, die jahrelang in dem Dreck haben leben müssen, waren wieder die Dummen."

Weil es in der ersten Welle überwiegend Hispanics und Vietnamesen traf, die ihre Wohnungen verlassen sollten, wurde die Sache rasch zu einem Politikum. Der soziale Kitt drohte zu brechen, denn Washington ist eine weitgehend in ethnische Zonen geteilte Stadt. Hier zieht man nicht einfach von einem Viertel ins nächste, wenn Herkunft oder Hautfarbe nicht passen. Es gab wütende Proteste; schließlich rief der Bürgermeister seine Inspektoren zurück. Das Anti-Slum-Programm wurde auf Eis gelegt. Die säumigen Hauseigentümer hatten wieder ihre Ruhe.

Damit aber war auch niemand zufrieden, am wenigsten die städtische Staatsanwaltschaft. Denn wenn US-Ankläger etwas hassen, dann sind es Ganoven und Gesetzesbrecher, die ihrer gerechten Strafe entkommen. "Wir wollten das illegale Geschäft mit den unwürdigen Behausungen endlich beenden", erzählt Peter Lavallee, der an den Fällen arbeitet, "aber wir wollten auch den Mietern helfen, nicht bloß die Hausbesitzer bestrafen. Unsere Staatsanwälte hatten dann die Idee, sie in ihren eigenen Wohnungen einzusperren, damit sie die miesen Bedingungen hautnah erleben und für Abhilfe sorgen."

Der Eigentümer im Hausmeisterkabuff

Das scheint zu funktionieren. Als erster "Slumlord" musste Weihnachten Rufus Stancil seinen Hausarrest antreten. Dem Mann wurden 429 Verstöße gegen das Mietrecht vorgeworfen, ihm drohten im Höchstfall über 100 Jahre Knast. Jeder Verstoß kann mit bis zu 90 Tagen Haft geahndet werden. Jeder Tag, an dem ein Mangel nicht beseitigt wird, zählt als neuer Verstoß. Und der Richter ließ gegenüber den Anwälten durchblicken, dass ihr Klient besser nicht auf Milde hoffen möge. So willigte der Delinquent, der in Washington zwei Häuser besitzt, die auf der schwarzen Liste stehen, zähneknirschend in den Deal mit den Staatsanwälten ein.

Rufus Stancil bekannte sich wegen 70 Reparaturen, die er versäumt hatte, für schuldig, brummte sechs Wochenenden im Strafvollzug ab und hauste zwei Monate lang im Hausmeisterkabuff seines desolaten Apartmenthauses im Nordwesten der Stadt. Um dort wieder ausziehen zu dürfen, musste er einen Renovierungsplan erstellen und ein lizensiertes Bauunternehmen mit der Durchführung der Arbeiten beauftragen. Innerhalb von sechs Monaten müssen alle Mängel behoben sein; die Mieter können in ihren Wohnungen bleiben.

Im Fall des Randy McRae haben die Staatsanwälte um Peter Lavallee die ungewöhnliche Methode dann weiter verfeinert. Der Mann gilt als besonders schwerer Junge unter den Hauseigentümern: Mit 2836 Missständen hält er den traurigen Mängelrekord der Stadt. Deshalb sei bloßer Hausarrest nicht genug, fanden die Rächer des Gesetzes. Also musste Randy McRae eidesstattlich versichern, alle seine Häuser in Washington abzustoßen und dort zeitlebens keine neuen Immobilien zu erwerben. "Er kann hier Präsident werden", sagt Staatsanwalt Lavallee, "aber als Vermieter ist er in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten unzumutbar."

Dietmar Ostermann

Das MieterMagazin dankt der Frankfurter Rundschau für die Abdruckgenehmigung dieses Beitrages.

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