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Joys Farm liegt eine gute Autostunde von Thailands zweitgrößter Stadt Chiang Mai entfernt auf einem fruchtbaren Gelände im Forst von König Bhumipol, umgeben von Wäldern, Feldern und Hügeln. Auf der ehemaligen Teakholzplantage baut die 39-jährige Thailänderin nicht nur Obst, Gemüse und Erdnüsse an. Hier gibt sie auch Kindern in extremer Not eine neue Heimat. Die Eltern von Joys mittlerweile mehr als 30 Schützlingen sind an Aids gestorben oder nicht mehr in der Lage, sich um ihre Kinder zu kümmern.
Weltweit wird die Zahl der Aids-Waisen auf insgesamt 13,2 Millionen geschätzt. Jeden Tag werden über 2000 Kinder mit HIV infiziert. Wie einst die Pest breitet sich die tödliche Immunschwäche auch im Norden Thailands aus und entvölkert hier ganze Dörfer. Zurück bleiben die Jungen und die ganz Alten, die für die Kleinen nur recht und schlecht sorgen können. Zurück bleiben Kinder wie Boy, dessen Mutter im Sterben liegt, nachdem der Vater der tödlichen Seuche gerade erst zum Opfer gefallen ist; Kinder wie Joe, dessen Mutter als Prostituierte arbeitet und den Sohn im Stich gelassen hat; oder die quirrlige Dok Mai, deren drogenabhängige Mutter die Tochter völlig verwahrlosen ließ. Verstört, verlaust und nach Essen und Zuwendung hungernd kam das schmächtige Mädchen vor einiger Zeit auf die Farm. Inzwischen hungert sie nur noch danach, von ihrer neuen Freundin Leon beim Spielen nicht mehr weggeschubst zu werden. Doch nicht nur Aids-Waisen finden auf Joys Farm ein neues Zuhause. Andere Kinder sind Flüchtlingskinder aus dem von einer Militärjunta beherrschten Nachbarstaat Burma, oder sie wuchsen wie der achtjährige Tula bei einem der Bergstämme im Drogenanbaugebiet an der Grenze zu Burma und Laos auf. Tulas Eltern sind tot oder verschwunden. So genau weiß das keiner. Ein Nachbar des Dorfpolizisten gabelte den Lahu-Jungen erst vor einer Woche im Wald auf und brachte ihn zu Neen Worrawittayakun, die wegen ihrer warmherzigen Heiterkeit von allen nur Joy genannt wird.
Gäste willkommen
Die hilfsbereite Thailänderin, die in Chiang Mai ein Gästehaus für Touristen führt, will ihren Schützlingen jedoch nicht nur ein Dach über dem Kopf und genügend zu essen, sondern auch eine langfristige Perspektive bieten. "School for Life" - "Schule des Lebens" nennt sich das ungewöhnliche Projekt, an dem auch der Pädagogikprofessor Jürgen Zimmer von der FU Berlin beteiligt ist. Und an dem, so sie denn bereit sind sich auf ein Urlaubserlebnis der ganz anderen Art einzulassen, auch ausländische Besucher teilhaben können. Vier Gäste-Bungalows stehen auf der Farm zur Verfügung. Die ökologisch bewirtschafteten Felder, ein Farmhaus und Unterkünfte für Ausflügler von Joys Guesthouse in Chiang Mai gibt es schon seit ein paar Jahren. Die "Schule des Lebens", ein gemeinnütziges Projekt unter dem Dach einer thailändischen Stiftung und eines wissenschaftlichen Instituts für buddhistische Ökonomie in Bangkok, ist gerade erst im Entstehen. Getragen wird sie von Spenden und von den Einnahmen durch den Tourismus. "Nachdem sich herumgesprochen hatte, dass wir hier Kindern in Not helfen wollen, standen plötzlich fast täglich neue Schutzsuchende vor der Tür", berichtet Anne, eine junge deutsche Pädagogik-Absolventin, die mit zwei weiteren Studentinnen in der "Schule des Lebens" volontiert. Alle, Farmer, Nachbarn und manchmal sogar ausländische Besucher packten gemeinsam mit an, um provisorische Unterkünfte zu bauen, um mit getrockneten Palmblättern Dächer zu decken und einfache Schränke aus Bambus zu zimmern. Inzwischen schickt auch der Bürgermeister des Nachbardorfs Pongkum, der dem Projekt anfangs skeptisch gegenüberstand, in Not geratene Kinder auf die Farm. Für seine Vorsicht hat Jürgen Zimmer, der mittlerweile mehrere Monate des Jahres in Thailand verbringt, volles Verständnis: "In dieser Region blüht der Kinderhandel. Verarmte Familien aus den Grenzgebieten verkaufen ihre Kinder an skrupellose Händler, die sie in den Städten auf den Strich schicken."
Der Polizist lehrt Thaiboxen
Längst arbeiten die Dorfbewohner eng mit Joys Farm zusammen, und auf seine Weise trägt auch der Polizist etwas zur "Schule des Lebens" bei: Er bringt den größeren Jungen das Thaiboxen bei. Andere wichtige Dinge fürs Leben wie Schreiben, Lesen und Rechnen üben die Kinder bei Teacherboy oder in der Dorfschule, Englisch buchstabieren sie mit den deutschen Volontärinnen. Die Kinder der Bergstämme und burmesischen Flüchtlinge müssen allerdings erst einmal Thailändisch lernen, denn viele von ihnen waren jahrelang auf sich allein gestellt und sind buchstäblich in der Wildnis aufgewachsen. Die Schüler machen rasche Fortschritte. Inzwischen kann der kleine Lahu-Junge Tula sogar seinen Namen auf die Schiefertafel schreiben. Und weil sich hier jeder Neuankömmling einen Namen seiner Wahl aussuchen darf, hat er sich Tula genannt, was auf thailändisch so viel bedeutet wie "etwas Praktisches tun". Tula ist in der Tat technikbegeistert und führt Besucher der Farm denn auch gleich zur neuen Wasserpumpe, um ihnen mit schüchternem Stolz zu zeigen, wie durch das Umlegen eines Hahns das kostbare Nass aus der Erde sprudelt. Nach dem Unterricht helfen die Kinder im Gemüsegarten und bei der Hausarbeit. Auch dies gehört zur "Schule des Lebens", deren langfristiges Ziel es ist, den Heranwachsenden später einmal berufliche Perspektiven jenseits der ausgetretenen Pfade zu ermöglichen, ihnen eine Ausbildung im Sinne einer buddhistisch inspirierten Ökonomie zu geben, wie sie inzwischen an einigen Universitäten des Landes gelehrt wird. Mit ihrer Hilfe, so hofft Zimmer, könnten sich seine Zöglinge eines Tages selbstständig machen. Für die Besucher aus dem Westen werden die Tage auf der Farm zu einem berührenden Erlebnis. Sie staunen über die Fröhlichkeit der Kinder, ihre Umsicht und Hilfsbereitschaft. Darüber, wie selbstverständlich die Größeren sich um die Kleineren kümmern. Wie bereitwillig sie teilen und Verantwortung übernehmen. Zusammen mit den Kindern und Teacherboy gehen sie auf Dschungel-Exkursionen, um sich zeigen zu lassen, wie man in der Wildnis überleben kann. Wie man sich mit Hilfe von Ameisennestern eine nahrhafte Suppe kocht, welche Pilze auf den Märkten wie viel Baht einbringen und wie man mit wild wachsenden Kräutern Wunden und Infektionen heilen kann. In der Abenddämmerung besuchen sie die heißen Thermalquellen von Pongkum, wo sich alle zusammen mit den Dorfbewohnern auf thailändische Art waschen: in Unterwäsche und Sarong am Beckenrand sitzend. Auch Erika und Edgar aus Speyer genießen die angenehme Bergluft, die friedliche Umgebung und den Blick auf eine Facette der thailändischen Realität, die vom Erfahrungshorizont des durchschnittlichen Pattaya-Sex-Touristen so weit entfernt ist wie ein Gecko vom Mars. Edgar, der als Kunststofftechniker lange Jahre im Ausland gearbeitet hat und in seiner Freizeit leidenschaftlich Rennrad fährt, repariert mit To und Som Chai die hauseigenen Mountainbikes, die sich in einem desolaten Zustand befinden. Dabei lernen nicht nur die kleinen Thailänder etwas Neues, sondern auch der Deutsche: die hohe Kunst der Improvisation. Denn Werkzeuge und Ersatzteile stehen auf der Farm erst einmal nicht zur Verfügung. Doch als Edgar und Erika nach vier Tagen abreisen, da hinterlassen sie Joys Kindern nicht nur ein Stück Lebenserfahrung, sondern auch ein unscheinbares, aber nützliches Souvenir: einen Schraubenschlüssel. Und auch ein anderes Problem löst sich in diesen Tagen auf geradezu wundersame Weise. Auf der Farm war Wasser bisher Mangelware. Mit einer alten Pumpe wurde es aus einem nahe gelegenen Flußquell entnommen und über ein 400 Meter langes Rohr auf die Farm geleitet. Für eine effektive Bewirtschaftung war das dünne Rinnsal kaum noch ausreichend. Vor allem in der Trockenzeit kam es zu Engpässen bei der Wasserversorgung.
Opfer für die "Mutter der Erde"
Deshalb bohrten Ingenieure aus Chiang Mai in den letzten Tagen nach neuen Quellen. Erste Bohrversuche in einer Tiefe von 150 Metern blieben weitgehend erfolglos. Bei einer Bohrung ging sogar das Gerät kaputt, was den Ingenieur zu der Vermutung veranlasste, die "Mutter der Erde" sei ungehalten. Die Farmbesitzerin müsse sie durch Gebete beschwichtigen. Joy zögerte nicht lange. In einer feierlichen Zeremonie bat sie "mother earth", die Geister der Ahnen und Buddha um ihre Hilfe und versprach ihnen die Opferung von fünf Schweineköpfen und einer Flasche Whiskey. Die Gebete wurden erhört. Der Bohrtrupp versuchte sein Glück an einer anderen Stelle - und wurde fündig. In 50 Metern Tiefe stießen die Experten auf eine ungeheure Wasserader. Geradezu explosionsartig sprudelte es aus der Erde. Der Ingenieur schätzt die Menge des Ausstoßes auf 50 Kubikmeter pro Stunde. Eine solche Menge, sagt er strahlend, habe er in seiner ganzen Laufbahn noch nicht erlebt: "Mit dem Wasser könnten 80 Haushalte versorgt werden." Dann stellt er mit Guava-Blättern einen Test an: Das Wasser ist frei von Eisen und anderen Metallen und von weicher Qualität. Es kommt in einer angenehmen Temperatur aus der vulkanischen Erde, nicht kalt und nicht heiß. Für den nächsten Tag wird deshalb eine Dankes-Zeremonie angesetzt. Vor dem Hausalter der Farm - einem kleinen Schrein am Rande des Grundstücks - richtet die Farmbesitzerin fünf Schweineköpfe, Kerzen, Räucherstäbchen, Wasser und Whiskey für die "Mutter der Erde", für die Ahnen und für den Buddha her. Nachdem die Räucherstäbchen verglüht sind, werden die Köpfe enthäutet und zu einem scharfen Curry verkocht. Die Ahnen haben sich gelabt, und nun dürfen die Lebendigen feiern. Es wurde ein Fest, das keiner so schnell vergisst.
Bettina Winterfeld
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