MieterMagazin

 April 2003 - Ausland

Hongkong

Siebzehn Etagen - eine ganze Welt

Die Chungking Mansions, ein legendenumwitterter Hochhaus-Komplex im aufregendsten Stadtteil von Hongkong, wollen ihr negatives Image loswerden - bis es so weit ist, werden sie verschwunden sein.

1993 im Sommer, als in Hongkong die Hundstage herrschten, schien Herrn Sunny Chans Dialektik aufzugehen: "The most dangerous place is the safest place." Zehn Tage lang gab es keinen Strom, es gab kein Wasser und keine Klimaanlage. Zehn Tage lang feierten die Bewohner der Chungking Mansions, diesem gefährlichsten aller Orte, der, nach Sunny Chan, zugleich der sicherste sein sollte, Candlelight Dinner - unfreiwillig, wie sich Chan erinnert, laut auflachend beim Gedanken an die allabendlich entzündeten Kerzen. Wie viele feierten mit? Schwer zu sagen, darüber gebe es keine Zahlen - wegen der hohen Mobilität der Bewohner, meint Chan diplomatisch. Chan, Manager und oberster Wachmann der Chungking Mansions, eigentlich studierter Anglist und Sinologe, einer, der sonst auf alles eine Antwort weiß.

Wie viele feierten also mit? Hunderte, Tausende? Keiner hat die Menschen gezählt, die plötzlich im Dunkel standen, auf dem Trockenen saßen und den Schweiß an sich heruntertropfen spürten. "Big tragedy", sagt Herr Chan in seinem an der Universität von Cambridge geschulten Englisch.

Eine "große Tragödie" für die Menschen, die da irgendwie verteilt, jedenfalls aber dicht gedrängt in den fünf Hochhausblöcken der Mansions mit ihren jeweils 17 Stockwerken lebten und arbeiteten. Monströse, grauschwarz verwitterte Blöcke mit ungezählten Fensterlöchern, hier und da von Neonröhren in fahles Licht getaucht. Abstoßende Fassaden. In den Fenstern klobige Kästen: Klimaanlagen. Die Adresse: 36-44, Nathan Road, Tsim Sha Tsui, Kowloon. Hongkong ist hier vielleicht am schlaflosesten, am lautesten, am billigsten, am buntesten, am dreckigsten.

Wo sonst noch in der Welt gibt es jenen unvergesslichen Geruch, der in den engen Fluren und Lichtschächten der Mansions steht und nicht mehr gehen will, obwohl Tag und Nacht die Fenster offen bleiben? Jene Mischung aus Blut, Essensresten, Curry, Müll, Exkrementen, nasser Wäsche, Kabelbrand und stickiger Feuchtigkeit, die sich auf immer im Mauerwerk festgesetzt zu haben scheint.

Vor fünf Jahren waren die Treppenhäuser, und damit die Notausgänge, unbenutzbar. Nicht nur für empfindliche Langnasen. Weil der Müll sich stockwerkeweise türmte und die Wände so blutverschmiert waren wie der Schauplatz eines Massakers. Da vertraute man doch lieber dem altersschwachen Fahrstuhl, auch wenn dort hineinzukommen Geduld brauchte und Durchsetzungsvermögen. Jeder Block wird nur von zwei Lifts bedient, einen jeden füllt ein einziger Lastkarren schon aus. Aber andererseits: Wo sonst wohnt man für so wenig Hongkong-Dollar in einer der teuersten und dicht besiedeltsten Städte der Welt? Mit diesem Mantra kann man sich in seiner Kammer in den Schlaf wiegen, während die brummelnde Klimaanlage die heiße Luft in Wallung und der fensterlose Raum die Zeit zum Stehen bringt.

Gefälschte Pässe, verdorbene Mägen

Wann ist der Angriff der Kakerlaken geplant? Wann beginnen die Ratten den Tanz auf den Papierkörben? Und hängen die Warnschilder vor Dengue-Fieber nur aus übertriebener Vorsicht in den Gängen? Legendenbildung ist ein Leichtes in den Chungking Mansions. Sie handeln von Halsabschneidern im wörtlichen und übertragenen Sinn, von zu spät gelöschten Feuersbrünsten und Edelsteinschmuggel in der Diamantenmetropole Hongkong. Von gefälschten Pässen und verdorbenen Mägen, von Huren und Heroin.

Der Ruf der Mansions ist bis nach Washington geeilt und hat dafür gesorgt, dass die US-Navy ihren Matrosen das Betreten derselben untersagt hat.

Sollten die Matrosen vielleicht noch nicht einmal mit der Traube pakistanischer Schlepper in Kontakt kommen dürfen, die zuverlässig am Eingang der Mansions wartet, um Hungrigen Visiten-, Speisekarte und Rezension ihrer Restaurants in die Hand zu drücken? Sollten sie nicht in den "Nepal Imbiss" oder den "Everest Grill" geführt werden, Block B, 12. Stock, Block D, 9. Stock? Tatsächlich umzingeln die Männer im Nu ihr Opfer, lächelnd. Befördern aus dem Papierstapel, der sekundenschnell in den Händen des Opfers wächst, immer wieder die Werbung für ihre Lokalität nach oben. Wie wenn man Karten mischt. Da gilt es sich zu entscheiden und einem von den jungen, lächelnden Männern auf den langen, labyrinthischen Weg durch den stinkenden Bauch der Chungking Mansions zu folgen. Wo sich dann tatsächlich - Curryduft weist den Weg - irgendwann ein Raum mit zwei, drei Tischen auftut. Geöffnet ist eigentlich immer.

Gästehäuser gab es schon, kaum standen die Chungking Mansions 1962. Die fünf Blöcke mit der gemeinsamen Ladenpassage wuchsen genau dort in die Höhe, wo sich die Verkehrsmittel schnitten: Hier kam die "Star Ferry" an, die Fähre aus dem Bankenviertel Victoria, der Zug aus Guangzhou (Kanton), hier war der Busbahnhof. Und wer konnte sich schon eine Übernachtung im einzigen Luxushotel leisten, das die Nathan Road damals zu bieten hatte: dem bis heute legendären "Peninsula"?

"Vereinte Nationen Hongkongs"

Findige Geschäftsleute, die sich für wenig Geld Apartments in den Mansions gekauft hatten, waren schnell auf die Idee gekommen, Touristen und Händlern billige Unterkünfte anzubieten. Anfangs bewohnt von verdienten Regierungsbeamten aus dem Mutterland wurden die Mansions bald mischgenutzt: als Wohnung, Herberge, Laden und Büro. Menschen aus aller Herren Länder zog es hierher. Woher sie kamen und wie lange sie blieben, das wusste keiner so recht. Ihre Zahl wuchs mit der Bevölkerung Hongkongs. Die Mansions hatten ihren Spitznamen weg: "Die Vereinten Nationen Hongkongs": Afghanen und Asiaten aus Singapur gab es, Araber und Koreaner, Filipinos, Israelis und Italiener, Inder und Pakistani - als Feinde vor dem Krieg im eigenen Land geflohen und hier Freunde geworden. "The good, the bad and the ugly" - Sunny Chans Philosophie will es, die Guten und die Bösewichte willkommen zu heißen.

Noch immer wohnen, Wand an Wand, neugierige oder gestrandete Backpacker und Geschäftsleute aus Afrika und Arabien in den 73 Billigherbergen, gehen in 25 indischen Restaurants essen, vorbei an den Büros von Elfenbeinexporteuren oder Uhrenmanufakturen, Versammlungsorten verschwiegener Glaubensgemeinschaften, einer Fabrik für Thermoskannen, einem winzigen Depot mit britischer Armeekleidung oder Marktplätzen für Afrikaner, die kiloweise Rohedelsteine aus Uganda und Nigeria gegen Hongkong-Dollar eintauschen wollen. 130 Läden, 12 Geldwechselstellen gibt es heute.

Was das alles mit Sunny Chans Theorie zu tun hat? Nun, es habe in jenen heißen und düsteren Nächten keinen Diebstahl und keinen Überfall gegeben, nichts. Der Grund sei "harmony and peace", unterstreicht Herr Chan noch einmal, lauter als zuvor, und dann ist es ist an der Zeit, mit chinesischem Cognac anzustoßen auf Harmonie und Frieden, gleich auf der ganzen Welt - Chungking, das heiße schließlich "glückliche Wiedervereinigung".

Das kritischste Wort, zu dem sich der Chinese aufrafft, ist die "unbefriedigende" hygienische Situation. Denn es ist klar, dass in den Mansions nicht nur Menschen zu Hause sind. Vor den anderen aber, den vier- und sechsbeinigen Dauergästen, verschloss man bis Ende der 90er Jahre die Augen.

Wer heute etwa im "Chungking House" im 4. Stock, Block A, bei Lydia Co landet, hat Glück gehabt. Denn vorher gilt es, den Männern auszuweichen, die einen in die, sagen wir, verwegeneren Herbergen der höheren Etagen schleusen wollen, ins "New Garden Hostel", ins "Pay Less" oder ins "Peking Hostel". Wer nicht recht will, dem wird entschieden zugeredet, und bei Bedarf auch mal der Ausstieg versperrt: "Just have a look, if don't like, go!" Nun denn.

Neun Stockwerke höher trocknet ein Edelsteinhändler aus Guinea seine Ware auf einem Kaffeesack vor dem Eingang des "Rhine Guesthouse". Acht Kilo rote Turmaline von gläsernem Glanz. Den Verkaufspreis will der Mann nicht nennen und sich auch nicht fotografieren lassen. Warum er bei "Mamma" wohnt? In welchem Hotel könnte er sonst seine Steine waschen? Mamma rufen sie sie alle, Madam Cheung, die Hausherrin. Geboren und aufgewachsen in Shanghai, hat sie, die frühere Lehrerin, sich in Hongkong aufs Gastgewerbe verlegt, weil sie hier ohne Diplom nicht unterrichten darf. Und weil die Krise in Hongkong anhält, muss auch Mamma in der die Blöcke verbindenden Ladenpassage Kundschaft ansprechen. Und die Preise senken, wenn der Kunde zögert: Bis auf 80 Hongkong-Dollar, gut 10 Euro, wenn es sein muss. Trotzdem, Madam Cheung möchte nicht zurück. "In Hongkong wird jeder gleich behandelt", sagt sie, "nicht wie in Shanghai, wo ohne Schmiergeld nichts läuft."

In den Chungking Mansions tut sich etwas. Es ist nicht ganz klar, ob die Rückgabe der britischen Kronkolonie an China am 1. Juli 1997 direkt damit zu tun hat. Jedenfalls hat sie es indirekt. Denn von den 920 Eigentümern der Mansions hatte so mancher Hongkong den Rücken gekehrt; nun kommen viele in die Sonderwirtschaftszone zurück.

Die Rückkehr der Investoren

Was würde das Mutterland aus Hongkong machen, hatten sich viele Hongkong-Chinesen gefragt? Was würde aus ihrer Reisefreiheit? Viele, die es sich leisten konnten, gingen ins Ausland, nach Kanada oder in die USA. Mit einem neuen Pass in der Tasche kamen sie wieder. Und kümmerten sich um ihren verfallenden Besitz.

Genau 13374334 Hongkong-Dollar (über 1,7 Millionen Euro) ließen sie es sich gemeinsam kosten, die Mansions 2001 renovieren zu lassen. Vorangegangen waren allerdings mehrere entsprechende Anordnungen der Behörden aus dem Jahre 1997.

Nun sind die Treppenhäuser leer geräumt, Sunny Chan hat überall Schilder und Warnungen aufhängen lassen, selbst die Warteschlangen am Aufzug sind geordnet, Kameras überwachen die Ladenpassage und das, was im Lift passiert. Es gibt brandneue Briefkästen, und Männer in Uniform patrouillieren den ganzen Tag durch die Gänge. Ja, sie drängen auch die Traube der lächelnden Pakistani auf die Straße, wenn sie den ahnungslosen Touristen mit ihren Restaurant-Speisekarten zu sehr zusetzen.

Die Chungking Mansions sind eine gefährdete Spezies geworden. Unter ihnen wird ein neuer Tunnel für die U-Bahn gegraben, um sie herum wächst das neue sterile China mit seinen stubenreinen Einkaufspassagen und Hotelbars, in denen ein Sundowner so viel kostet wie eine Übernachtung bei Madame Co.

Was wird aus den Chungking Mansions, Sunny Chan? Nur langsam rückt er mit der Sprache heraus. Die Investoren lauerten schon. Aus der Fläche, zehnmal so groß wie das in jeder Hinsicht koloniale Peninsula Hotel, ließe sich mehr Rendite ziehen. In zehn Jahren wird es die Mansions wohl nicht mehr geben, sagt Chan. Er ist kein bisschen wehmütig darüber. "Everything has its end". So lehre es die chinesische Philosophie.
Alles hat seine Zeit.

Alexander Musik

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Wo Hongkong am lautesten, am buntesten und am dreckigsten ist: Chungking Mansions in Kowloon,
Blick aus dem Fenster
alle Fotos: Alexander Musik

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"Alles hat seine Zeit":
Sunny Chan, der Manager
der Mansions vor seinem Büro

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"Just have a look": aufdringliche Schlepper in der Ladenpassage der Mansions

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Renovation im Jahr 2001:
Die altersschwachen Lifts werden jetzt mit Kameras überwacht

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Schwarz verwitterte abstoßende Fassaden
mit klobigen Kästen: die Außenhülle der Mansions

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"Wo sonst die Steine waschen?": Edelsteinhändler aus Guinea in "Mamma" Cheungs Rhine Guest House

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"In Hongkong werden
alle gleich behandelt": Hotelbesitzerin
"Mamma" Cheung

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