MieterMagazin

 Januar/Februar 2003 - Hintergrund

Ofenheizung

Langsames Ende einer langen Ära

Wer vor der Wende nach Berlin gezogen ist, der war auf dem Wohnungsmarkt mit einem Phänomen konfrontiert, das es im Rest der Republik kaum noch gab: OH, will heißen: Ofenheizung. Generationen von Studenten mussten lernen, wie man einen Kachelofen zum Glühen bringt und Zuwanderer aus der Türkei waren fassungslos, dass im ach so fortschrittlichen Deutschland noch mit Holz und Briketts geheizt wird. Der Geruch nach Kohle gehörte in den Innenstadtbezirken ebenso zum Winter wie die Kohlenhandlungen an jeder Ecke. Mittlerweile wird Haus um Haus saniert und in Inseraten von Wohnungssuchenden heißt es immer öfter "keine OH!". Mieter in den noch verbliebenen Ofenheizungswohnungen müssen sich fragen lassen, warum sie nicht endlich in eine "vernünftige" Wohnung ziehen. Auch wenn manche von ihnen gute Gründe dafür haben - die Zeit der Kachelöfen geht langsam, aber unweigerlich zu Ende.

Etwa 100000 ofenbeheizte Wohnungen gibt es noch in der Hauptstadt. Das sind knapp fünf Prozent des gesamten Wohnungsbestandes, wobei der Anteil in Prenzlauer Berg oder Wedding natürlich erheblich höher ist als in Zehlendorf oder Marzahn. 1990 waren es noch 480000 Wohnungen. Dass sich in Berlin die gute alte Ofenheizung so lange hielt, hat mit der früheren Insellage der geteilten Stadt zu tun. Es war für die Vermieter nicht lukrativ, in die alten Häuser zu investieren und im Ostteil waren Modernisierungen im Altbau eher die Ausnahme. Die Masse der ofenbeheizten Wohnungen führte an kalten Wintertagen regelmäßig zu Smogalarm, zumal im Ostteil stark schwefelhaltige Braunkohle verheizt wurde. Aus Umweltschutzgründen sollten die Kohleöfen daher bis 2004 verboten werden. Mittlerweile hat man in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung von der geplanten Verordnung Abstand genommen. "Das Problem hat sich von selbst erledigt, weil viele Wohnungsbaugesellschaften und private Vermieter bereits umgerüstet haben", erklärt die Sprecherin der Senatsverwaltung, Petra Reetz. Sowieso seien die Kohleöfen nie die Hauptursache für den Smog gewesen, sondern der Verkehr.

Dennoch hat der Rückzug der Ofenheizung dazu beigetragen, dass die Luft besser wurde. 1970 enthielt ein Kubikmeter Berliner Luft durchschnittlich 160 Mikrogramm gesundheitsschädliches Schwefeldioxid. Ende der 90er Jahre waren es noch 20 Mikrogramm. Auch die Belastung durch Kohlenmonoxid sowie Schwebstaub ging zurück.

Die Emissionseinsparung, die durch die Umstellung von Ofenheizung auf Gas, Erdöl und Fernwärme erreicht werden kann, werde oft überschätzt, meint Peter Hennig von der Arbeitsgruppe Energie, die mit dem Berliner Mieterverein zusammenarbeitet. "Man heizt mit Holz und Briketts einfach weniger, als wenn man nur das Thermostat aufdrehen muss", erklärt der Ingenieur. Aus eigener Erfahrung weiß er: Kein Bewohner einer Ofenheizungswohnung hat jederzeit und in allen Räumen 20 Grad Celsius. Dadurch verbrauche man durchschnittlich ein Drittel weniger als mit einer Zentralheizung. Die Energieeinsparungsprogramme des Senats berücksichtigen dieses unterschiedliche Nutzerverhalten nicht. Dennoch, so hat Peter Hennig errechnet, lässt sich wegen des höheren Ausnutzungsgrades der Brennstoffe eine 20- bis 40-prozentige Emissionsminderung durch die Umstellung auf Zentralheizung erreichen.

Auch die Mieter selber können durch den richtigen Umgang mit dem Ofen viel dazu beitragen, dass die Umweltbelastung gering ist. "Viele Leute benutzen ihren Ofen als Müllverbrennungsanlage", sagt Volkmar Küchenthal, der im Auftrag der Innung zum Thema Ofenheizung berät. Er hat einige Tipps parat: "Man sollte Briketts der Marke Union oder Rekord L kaufen, keinesfalls billige Importware aus Polen." Außerdem ist darauf zu achten, nur trockenes, unbehandeltes Holz zu verheizen. "Wichtig ist auch, die Öfen alle zwei Jahre reinigen zu lassen, dadurch braucht man auch weniger Brennstoff", so der Fachmann. Beherzigt man diese Regeln, sind Kachelöfen eine billige, gesunde und umweltschonende Heizungsart.

Eine überraschende Bewerbungsflut

Aber sind so genannte "Substandardwohnungen" im dritten Jahrtausend überhaupt noch vermietbar? Kein Zweifel: Für viele ist es unvorstellbar, morgens erst einmal den Ascheneimer entleeren zu müssen und dann kunstvoll Papier, Holz und Briketts aufzuschichten, bevor es nach ein paar Stunden endlich warm wird. Eine Ofenheizung ist unbequem, sie macht Dreck und Arbeit. Die Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung vermutet, dass unter den leer stehenden Wohnungen etliche mit Ofenheizung sind. "Die Ansprüche sind nun mal gestiegen, selbst von Studenten werden solche Wohnungen meist nicht mehr akzeptiert", meint Petra Reetz, die nach eigenem Bekunden ein großer Fan der Ofenheizung ist ("... wegen der angenehmen Wärme und dem tollen Raumklima"). Tatsächlich berichten viele Wohnungsbaugesellschaften von Vermietungsschwierigkeiten. Allerdings: Wenn sonst alles stimmt, wenn Lage und Schnitt attraktiv sind, sind offenbar auch Wohnungen mit Ofenheizung begehrt. "In Gegenden wie dem Scheunenviertel werden sie von jungen Leuten immer noch gern genommen", berichtet die Sprecherin der BeWoGe, die den Bestand der Wohnungsbaugesellschaft Mitte verwaltet. Eine Flut von 70 Bewerbungen erhielt eine Hausverwaltung, die in der "Zweiten Hand" eine ofenbeheizte Dreizimmerwohnung in Kreuzberg für 300 Euro anbot. "Wir waren völlig überrascht", sagt die Mitarbeiterin der Verwaltung.

Auch Beate Zimmer* liebt die gemütliche Wärme ihres Kohleofens und das gute Raumklima. "Leute in zentralbeheizten Wohnungen haben wegen der trockenen Luft oft Erkältungen", hat sie festgestellt. Das Kohleschleppen in den vierten Stock macht ihr nichts aus: "Einmal am Tag ins Schwitzen zu kommen ist gesund", meint sie. Seit 20 Jahren lebt sie in dem Kreuzberger Altbau. "Wenn mir die Hausverwaltung anbieten würde, eine Zentralheizung einzubauen, ohne dass die Miete steigt, würde ich nicht nein sagen, aber eigentlich bin ich zufrieden." 230 Euro zahlt sie für ihre helle, ruhige Zweizimmerwohnung mit Balkon. Dass es nach einer Modernisierung erheblich mehr wäre, ist ihr klar. Der Kostenaspekt sei schon wichtig, meint die Musikpädagogin, die sich mit ABM-Stellen und Honoraraufträgen über Wasser hält: "Eine hohe Miete ist eine große finanzielle Belastung. Ich habe keine Lust, nur für die Miete arbeiten zu gehen." Klar, der Ofen mache auch Arbeit und Staub. "Dafür kann ich mir aber auch mal Bratäpfel auf dem Ofen machen oder nebenbei Essen wärmen", beschreibt Beate Zimmer die praktischen Vorzüge.

Es gibt sie also noch, die bekennenden Ofenheizungs-Fans. Eine von ihnen ist Dorotea Etzler. Gefragt, warum sie auf ihre Kachelöfen schwört und Zentralheizung prinzipiell ablehnt, fallen ihr eine Menge Gründe ein: "Ich vertrage die trockene Luft nicht, außerdem stört mich der Lärm vom Gluckern und Rauschen der Rohre und wenn ich ans Fenster trete, will ich nicht auf einen Heizkörper blicken." Ein weiterer Aspekt: "Ich schätze das klimabedingte unterschiedliche Handeln in Heiz- und Nichtheizperioden." Die Kosten seien zwar ein Faktor, aber nicht der entscheidende, sagt die junge Frau, die seit zwölf Jahren in Friedrichshain wohnt. Derzeit wird ihr Haus saniert. Sie konnte durchsetzen, dass in ihrer Wohnung keine Zentralheizung eingebaut wird. Fast das Doppelte sollte sie nach der Modernisierung kosten. Für die Zeit der Bauarbeiten sucht Dorotea Etzler jetzt eine Umsetzwohnung, aber "nur mit Ofenheizung", wie sie betont. Sogar ihre Kochmaschine in der Küche konnte sie gegen die Modernisierungspläne ihres Vermieters verteidigen. Nachteile wollen der Mieterin nicht einfallen, obwohl auch sie die Kohlen in den vierten Stock schleppen muss. "Eine Zentralheizung ist wie ein Auto, bequem und gleichmäßig klimatisiert. Eine Ofenheizung ist wie das Fahrrad mit nur punktuellen Kosten und mit körperlichem Einsatz verbunden", bringt sie es auf den Punkt.

Eine Ofenheizung ist wie ein Fahrrad ...

Dass sie mit ihrer Einstellung in der Minderheit ist, weiß sie. Dennoch hat sie den Eindruck, dass allmählich wieder ein Umdenken stattfindet: "Eine Bekannte von mir ist wegen ständig steigender Kosten nach 17 Jahren Zentralheizung zum Ofen zurückgekehrt", berichtet Dorotea Etzler.

Wer auf eine billige Wohnung angewiesen ist und dafür auch gerne Ofenheizung in Kauf nimmt, findet jedoch immer seltener entsprechende Angebote. Wäre es daher nicht sinnvoll, einen bestimmten Anteil Wohnungen dieses Ausstattungsstandards zu erhalten? Werner Oehlert von der Mieterberatungsgesellschaft ASUM, die für die Friedrichshainer Sanierungsgebiete zuständig ist, hält davon gar nichts. "Ziel der Stadterneuerung ist es, für eine zeitgemäße Ausstattung zu vernünftigen Preisen zu sorgen", meint er. Die Stadterneuerung befinde sich hier in einer Zwickmühle: "Die Häuser gar nicht zu sanieren kann nicht die Lösung sein, denn an Wohnungen ohne Bäder oder mit groben Instandhaltungsdefiziten sind auch ofeninteressierte Nutzer nicht interessiert." Werden die Wohnungen dagegen unter Beibehaltung der Ofenheizung saniert, sind sie wegen der anderen Modernisierungsmaßnahmen nicht wesentlich preiswerter als zentralbeheizte Wohnungen, gibt Oehlert zu bedenken. Mitte der 80er Jahre gab es einmal ein Programm, bei dem die Häuser nur teilsaniert wurden und die Ofenheizung auf Wunsch der Mieter drin blieb. "Viele Bewohner sind dann nach zwei oder drei Jahren doch umgezogen, und mittlerweile müssen die Häuser ein zweites Mal in die Sanierung", sagt Werner Oehlert von ASUM.

Auch aus Gründen des Umweltschutzes plädiert er für die Umrüstung auf moderne Heizungsanlagen. "In den Friedrichshainer Sanierungsgebieten sind immer noch fast die Hälfte der Wohnungen ofenbeheizt, in manchen Straßenzügen führt das zu einer sehr hohen Luftbelastung", so Werner Oehlert von ASUM.

Ob man es bedauert oder nicht: Die billige Ofenheizungswohnung mit Dusche in der Küche und Klo auf halber Treppe wird bald Seltenheitswert haben. Nur noch seinen Kindern wird man dann wehmütig von jenen Zeiten erzählen können, als es bei Kaiser's Brikettbündel zu kaufen gab und die Holzkisten der Gemüsehändler für viele Berliner begehrtes, kostenloses Brennmaterial waren.

Birgit Leiß

* Name von der Redaktion geändert.

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Rund um den Kohleofen:
Mieterrechte und Vermieterrechte

Als Mieter einer ofenbeheizten Wohnung können Sie Ihren Vermieter nicht dazu zwingen, eine Sammelheizung einzubauen.

Wenn Sie sich auf eigene Kosten eine Gasetagenheizung einbauen wollen, müssen Sie auf jeden Fall vorher die Zustimmung des Vermieters einholen. Mittlerweile gehen die Gerichte davon aus, dass der Mieter grundsätzlich einen Anspruch auf Zustimmung hat. Der Vermieter darf seine Zustimmung nur verweigern, wenn er berechtigte Interessen geltend machen kann. Als akzeptabler Grund gilt vor allem, wenn er in absehbarer Zeit vorhat, selber zu modernisieren (beispielsweise innerhalb eines Jahres). Als Mieter müssen Sie die Arbeiten von einem Fachbetrieb ausführen lassen und tragen dann auch alle Folgekosten (zum Beispiel für Wartung und Reparaturen). Der Vermieter kann verlangen, dass die alten Kachelöfen stehen bleiben.

Der Einbau einer zentralen Heizungsanlage an Stelle der Ofenheizung durch den Vermieter stellt eine Wohnwertverbesserung dar und gilt daher als Modernisierung. Grundsätzlich müssen Sie daher den Heizungseinbau dulden, es sei denn, die Maßnahme würde für Sie wegen der zu erwartenden Mieterhöhung eine unzumutbare finanzielle Härte bedeuten. Das greift jedoch nicht, wenn durch die Maßnahmen lediglich ein allgemein üblicher Zustand hergestellt wird. Allgemein üblich im Sinne des Gesetzes ist ein Ausstattungsmerkmal dann, wenn es bei zwei Drittel der Mietwohnungen des vergleichbaren Alters in der gleichen Region zu finden ist. Berlin ist in dieser Hinsicht zweigeteilt: Im Ostteil Berlins gilt eine zentrale Heizungsanlage derzeit noch nicht als allgemein üblicher Zustand. Mieter in den westlichen Bezirken dagegen können den Zentralheizungseinbau allein aus finanziellen Gründen nicht verhindern. Auch der Abriss der Öfen muss geduldet werden.

Das Reinigen der Kachelöfen ist vom Vermieter zu tragen, sofern diese Pflicht nicht mietvertraglich auf den Mieter abgewälzt wurde. Wenn Sie einen solchen Passus in Ihrem Mietvertrag haben, sollten Sie sich unbedingt beraten lassen! Nicht immer ist er wirksam.

Den Einbau isolierverglaster Fenster in eine ofenbeheizte Wohnung müssen Sie nicht in jedem Fall dulden. Nutzen und Zweckmäßigkeit von Isolierglasfenstern sind in diesem Fall als gering anzusehen, so die Rechtsprechung.

Ein Kohlebeistellherd ist keine geeignete Kochmöglichkeit. Der Vermieter muss zusätzlich elektrische Kochplatten stellen.

Es gibt keinerlei öffentliche Zuschüsse mehr für den Einbau einer Heizung auf Mieterkosten. Das Programm "Mietermodernisierung" der Investitionsbank Berlin wurde komplett gestrichen.

bl

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