MieterMagazin

 Januar/Februar 2003 - aktuell

Karl-Liebknecht-Straße 15

Gute Chancen auf Verbleib

Immer mehr Wohnhäuser sollen aus der Innenstadt verschwinden. Nun erwischt es einen Plattenbau am Alexanderplatz. Die zehn Wohnungen im Haus Karl-Liebknecht-Straße 15 sollen einem Bürohaus mit zwei Luxuswohnungen weichen. Die Mieter bleiben jedoch standhaft und haben gute Chancen, den Abriss zu verhindern.

Dass ihr Haus abgerissen werden soll, erfuhren viele Mieter der Karl-Liebknecht-Straße 15 erst über den "Flurfunk". Schriftliche Informationen vom Eigentümer haben sie bis heute nicht. "Im November kam ein Eigentümervertreter unter einem Vorwand zu jedem einzelnen Mieter und erklärte, dass das Haus abgerissen wird und wir ausziehen müssen", erzählt Mieter Kurt Krause*. Er habe dabei auch ausgeschlossen, dass den Mietern für einen Umzug Beihilfen oder Prämien gezahlt werden. Keiner der zehn Mieter will jedoch seine zentral gelegene, preiswerte Wohnung aufgeben. Krause zahlt zurzeit eine Miete von rund vier Euro pro Quadratmeter. Leerstand oder größere Mängel, die einen Abbruch sinnvoll erscheinen ließen, gibt es auch nicht. Das Haus ist in einem guten Zustand und voll vermietet.

Errichtet wurde der Plattenbau 1984 zusammen mit den Wohnhäusern im Karree Karl-Liebknecht-, Memhard- und Rosa-Luxemburg-Straße. Dieser Neubaublock schloss die Umgestaltung des Alexanderplatzes ab. In Nummer 15 wurden zunächst Beschäftigte der (Ost-)Berliner Verkehrsbetriebe BVB untergebracht.

Schon die Gesellschaft, die 1998 der BVG das Gebäude abgekauft hat, wollte abreißen und neu bauen. Die jetzige Eigentümerin "First New Alex Building GmbH" will an Stelle des unscheinbaren Hauses nun ein neungeschossiges Büro- und Geschäftshaus bauen, das seine Nachbarn deutlich überragt. Neben Läden und Büros sollen in den oberen Etagen zwei luxuriöse Penthouse-Wohnungen mit Dachterrasse und Swimmingpool entstehen. Der 4,1 Millionen Euro teure Neubau soll schon 2004 fertig sein. Der Abbruchantrag ist bereits genehmigt. Noch Mitte dieses Jahres will der Investor den Abrissbagger anrollen lassen.

Ganz so einfach wird das jedoch nicht gehen: Mehrere Mieter wohnen schon lange im Haus, zum Teil seit 19 Jahren. Bei Mietverträgen, die noch zu DDR-Zeiten, also vor dem 3. Oktober 1990, unterschrieben wurden, ist eine so genannte Verwertungskündigung ausgeschlossen. Andere Kündigungsgründe kommen in diesem Fall nicht in Betracht. Diesen Mietern zu kündigen, hätte "keine Aussicht auf Erfolg", sagt Peter Reuscher, Rechtsberater des Berliner Mieterverein. Er rät den Mietern, eine Kündigung mit Gelassenheit abzuwarten. "Sie haben sehr gute Chancen, bleiben zu können", und zwar auch die später Eingezogenen: Denn wenn auch nur ein Mieter nicht auszieht, kann das Haus nicht abgerissen werden.

Der Eigentümer müsste die Bewohner also zum freiwilligen Auszug bewegen und sucht daher in den benachbarten Häusern der Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) nach Ersatzwohnungen. Konkrete Angebote gibt es bisher jedoch nicht. "Wegzuziehen ist für mich undenkbar", sagt der gesundheitlich angeschlagene Mieter Krause, der hofft, am Alexanderplatz seinen Lebensabend zu verbringen.

Jens Sethmann

* Name geändert

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Abrissplanung mit wenig Aussicht auf Erfolg:
Karl-Liebknecht-Straße 15 (Bild Mitte)
Foto: Jens Sethmann

 Im Überblick

Wohnhäuser in Mitte
auf der Abrissliste

Neben der Karl-Liebknecht-Straße 15 sind in Mitte weitere Plattenbauten vom Abriss bedroht: Für den Komplex Leipziger Straße 114-120/ Mauerstraße 65-68 (115 Wohnungen) hat die WBM einen Abrissantrag gestellt. Der Abbruch des Hauses Luisenstraße 22-30/ Schiffbauerdamm 25
(162 Wohnungen) wurde 2001 von der Baukommission des Bundestages beschlossen. Abgewendet wurde hingegen der Abriss der IBA-Bauten am Lützowplatz in Tiergarten.

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